Bobby und der Gefallen
written
by Shane (04/2007)
Als Dean auf Singers Severage, Bobby’s Schrottplatz fuhr, war es bereits kurz vor Mitternacht. Sam, der neben ihm auf dem Beifahrersitz saß, war eingeschlafen und auch Dean kämpfte mit der Müdigkeit.
Im ersten Moment hielt er deswegen auch den Wagen, der auf dem Parkplatz stand und den er dort noch nie gesehen hatte, für eine Halluzination, ein Produkt seines ausgebrannten, völlig übermüdeten Gehirns. Sie hatten einen anstrengenden Job in Nevada hinter sich und brauchten unbedingt eine Pause; einen Augenblick Ruhe vor dem nächsten Job.
Fahrig rieb sich Dean die Augen. Dann zog er die Schlüssel ab und stieg aus dem Impala.
Vor ihm stand eine schwarze 65er Corvette Stingray. Dean konnte es sich nicht verkneifen, fast liebevoll über den Lack zu streichen. Ja, dieses Baby würde ihm auch gefallen!
Als er das Auto näher betrachtete, konnte er keinerlei Schäden daran feststellen. Zum Ausschlachten oder wegen einer Reparatur war der Schlitten also nicht hier. Davon abgesehen nahm Bobby nur noch selten, meist zur Tarnung Aufträge an.
So langsam überkam dem Winchester das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte.
Bobby bekam selten Besuch. Eigentlich schauten nie Leute einfach mal so vorbei, nicht einmal befreundete Jäger. Bis auf Dean und Sam natürlich. Aber ihre Aufenthalte konnte man eigentlich nicht als Besuch bezeichnen. Höchstens als Arbeitsaufenthalte. Oder Weiterbildung. Allerhöchstens noch als kurze Verschnaufpause vor der nächsten Apokalypse.
„Alles in Ordnung?“ Sam war ebenfalls ausgestiegen und streckte sich nunmehr ausgiebig.
„Hast du eine Ahnung, wem die Corvette gehören könnte?“
Doch Sam schüttelte den Kopf. „Nie gesehen. Und? Beunruhigt es dich jetzt wenn ein fremder Wagen auf Bobbys Schrottplatz steht? Komm schon, Alter! Lass uns reingehen, ein Bier trinken und schlafen!“
Als sie das Haus betraten hörten sie leise Stimmen, die jedoch verstummten, als die Tür mit dem Fliegengitter gegen die Wand schlug.
„Oh, hallo Jungs!“ Bobby saß zusammen mit einem Fremden am Küchentisch und stand schließlich, leicht verunsichert, auf. „Ich … hab nicht gedacht, dass ihr noch kommt! Es ist schon ziemlich spät.“
Dean maß den Besucher mit einem skeptischen Blick. Er war groß, trug eine schwarze Jeans, ein weißes Hemd und eine schwarze Lederjacke. Doch das Markanteste an ihm war die Sonnenbrille.
Der Typ kam sich wohl ziemlich cool vor!
Ob er ein Jäger war? Unwahrscheinlich, dafür war sein Wagen viel zu auffällig.
Sam beobachtete, wie sich sein Bruder mit dem Fremden ein stilles Blickduell lieferte. Aber er konnte nicht erkennen, wer letztendlich der Sieger war. Es war jedoch ganz offensichtlich, dass Bobby sich durch ihre Anwesenheit gestört fühlte.
„Hört zu, Jungs, Ray und ich … wir … haben noch einiges zu besprechen, okay?“
Dean fragte sich unwillkürlich, ob alles in Ordnung war. Andererseits, er kannte Bobby lange genug. Wenn dieser Fremde eine Gefahr gewesen wäre, hätte Bobby sich anders verhalten. Momentan war ihr Erscheinen offenbar einfach nur unpassend – weshalb auch immer.
„Okay!“ Dean nickte. „Wir sehen uns dann morgen früh!“
Bobby nickte ebenfalls, steckte die Hände in die Hosentasche und wartete, bis die beiden Brüder nach oben gegangen waren. Dann ging er zurück zum Esstisch und setzte sich wieder.
„Also, irgendetwas kommt mir komisch an diesem Typ vor. Ich mein, wer trägt mitten in der Nacht eine Sonnenbrille?“ Dean trat an das Fenster und sah hinunter in den Hof. „Kannst du rausfinden, auf wen der Wagen zugelassen ist?“
Sam grinste. Er hatte geahnt, dass sein Bruder ihn das fragen würde und den Laptop bereits aufgeklappt. Etwa eine Stunde später, die Dean damit zugebracht hatte, sich durch das nächtliche Fernsehprogramm zu zappen, schob er ihn wieder von sich.
„Und, hast du irgendetwas rausgefunden?“
„Nicht wirklich.“
Dean stöhnte genervt auf. „Was soll das nun wieder heißen? Hast du was oder nicht?“
Sam gähnte und drehte den Laptop ein Stück zur Seite, so dass Dean einen Blick darauf werfen konnte, der sich mittlerweile dazu bequemt hatte, sich zumindest auf die Bettkante zu setzen, wenn er schon nicht rüberkam.
„Wenn das Kennzeichen echt ist, dann ist der Wagen auf den Gouverneur von Kalifornien zugelassen.“
Dean lachte auf. „Ich weiß nicht, woher du deine Informationen her hast, Sammy Boy, aber der Typ da unten arbeitet nicht für die Regierung! Okay, was hast du noch?“
„Nichts, das war alles. – Das heißt – hier, diese Anzeige habe ich noch gefunden.
65 BLACK STINGRAY, FOR BARTER ONLY TO THE RIGHT PARTY. CALL 555-7687.“
„Hast du die Nummer schon angerufen?“
„Natürlich nicht. Es ist mitten in der Nacht, Dean, und …“
Aber Dean hatte schon sein Handy gezückt und die Nummer eingetippt. Im Stillen hoffte er, dass er vom Erdgeschoß her das Klingeln eines Telefons hören würde. Doch stattdessen hatte er plötzlich einen Anrufbeantworter am anderen Ende der Leitung.
„Sie haben 5557687 angerufen. Wenn es um die 65er Stingray geht, dann hinterlassen Sie bitte eine Nachricht! Ich werde mich so schnell wie möglich bei Ihnen melden.“
Nun, zumindest war es dieselbe Stimme.
„Vielleicht ist Bobby einfach an dem Wagen interessiert!“
„Das glaubst du doch selber nicht!“
„Wie dem auch sei, ich hau mich jetzt in die Falle! Meinetwegen kannst du dir ja weiterhin billige Pornos reinziehen, aber ich brauche meinen Schlaf!“
***
Dean wurde durch das Zuschlagen einer Autotür geweckt. Er drehte sich auf die Seite und warf einen Blick auf die Uhr: kurz nach sechs. Als er die Beine aus dem Bett schwang bemerkte er, dass er noch immer die Klamotten von gestern trug – er musste darin eingeschlafen sein; auch der Fernseher lief noch.
Sein erster klarer Gedanke galt Bobby und diesem Fremden.
Kurzerhand ließ er Sam weiterschlafen, zog leise die Tür hinter sich zu und ging hinunter.
Auf dem Küchentisch lag die Tasche, die Bobby immer packte, wenn er ein paar Tage wegfuhr.
„Wo willst du hin?“
Erschrocken drehte Singer sich um. „Gott, du bist Schuld, wenn ich eines Tages an einem Herzinfarkt sterbe!“, brummte er und warf eine weitere Schachtel mit Patronen in die Tasche, ehe er den Reißverschluss zuzog.
„Das war keine Antwort meine Frage!“
„Ich glaube auch nicht, dass dich das etwas angeht!“ Zu spät merkte er, wie sehr Dean diese Worte getroffen hatten. Sie waren immer ehrlich zueinander gewesen. Sie wären Jäger, kämpften Seite an Seite und mussten sich blind aufeinander verlassen können.
„Tut mit leid, Junge. Aber …“ Er holte tief Luft. „Ich schulde Ray einen Gefallen, das ist alles!“
„Einen Gefallen?“
„Ray hat mir mal geholfen, das ist schon eine Weile her.“
„Wer ist er? Was ist er? Jäger?“
„Nein. Ray ist … Ah, du würdest es mir doch nicht glauben, aber was soll’s.“ In kurzen Worten schilderte Bobby was er über Ray wusste.
„Er fährt also durch das Land und hilft Menschen, einfach so. Und als Gegenleistung will er nichts weiter als einen Gefallen, den er irgendwann einmal einfordert“, fasste Dean schließlich zusammen und schüttelte den Kopf.
„Ja!“
„Und das soll ich glauben?“
„Ist das, was ihr tut, so viel anders?“
Dean hatte nicht mitbekommen, wie der Fremde wieder ins Haus gekommen war und ihrem Gespräch gelauscht hatte. Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte er an der Wand und sah Dean an.
Dean brauchte einen Moment, um sich zu fangen. „Ja. Wir bekämpfen das Böse und retten Menschen!“
„Das tue ich auch, auf meine Art.“ Dann zog er seine Sonnenbrille aus der Jackentasche und setzte sie auf. „Können wir, Bobby?“
Singer holte tief Luft und schulterte die Tasche. „Wir sehen uns in einer Woche, Dean.“
Dean nickte. „Das will ich hoffen …“