Im Mantel der
Dunkelheit
written
by Bodieslady and Shane (04/2007)
Los
Angeles, die Stadt der Engel. Im Westen und Süden grenzte die Stadt an die
Bucht von Santa Monica. Auf der anderen Seite des großen Tales war sie von
hohen Gebirgsketten umgeben. Aber an diesem Tag war das Gebirge nicht zu sehen.
Los Angeles war ein Moloch von 3,8 Millionen Einwohnern und mindestens ebenso
vielen Autos. Smog lag tagtäglich über der Stadt und nahm jede Chance, einen
Blick auf die schneebedeckten Berge erhaschen zu können. Doch das interessierte
den Fahrer der schwarzen 65er Corvette Stingray nicht. Er hatte keinen Blick
für seine Umgebung. Seine Gedanken waren nur bei der Frau, die ihm noch einen
Gefallen schuldete, den er jetzt einfordern würde. Er parkte seinen Wagen vor
einem Bungalow in einem der preiswerteren Stadtteile. Ein schmaler Rasen
überbrückte die Entfernung vom Bürgersteig zur Haustür, die man über drei
Stufen erreichte. Ein Gartenzaun fehlte völlig. Ein schwarzer Jeep stand in der
Auffahrt. Es war nicht mehr das neueste Modell. Die Bewohnerin des Hauses
schwamm nicht in Geld. Wie auch, sie war ein Cop... Der Mann schaltete den
Motor seines Wagens ab, stieg aus und ging zur Haustür. Kurz nachdem er
geklingelt hatte hörte er Schritte und die Tür wurde einen Spalt breit
geöffnet.
„Ja?“
Jade sah den Mann mißtrauisch an. Er trug eine tiefschwarze Sonnenbrille, die
ihr jegliche Chance nahm, seine Augen sehen zu können. Sein schwarzes Hemd, das
schwarze Sakko und die schwarze Jeans waren eindeutig zu warm für diese Hitze.
Dennoch stand auf seiner Stirn nicht die kleinste Schweißperle. Auch die
schwarzen Haare lagen ordentlich, als hätte er sie gerade erst gekämmt.
„Hallo
Jade...“ Er hätte sie überall wiedererkannt. Auch wenn es schon sechs Jahre her
war, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Er nahm seine Sonnenbrille ab
und steckte sie in seine Jackentasche. „Ich bin hier um meinen Gefallen
einzufordern,“ sagte er und lächelte. Eine eisige Hand legte sich um Jades
Herz. „Ray?“ fragte sie unsicher, als wolle sie ihren eigenen Augen nicht
trauen. Er nickte kaum merklich. Ihr Anblick ließ sofort wieder die ganzen
Erinnerungen aufleben. Ihre korallenroten Locken, die ihr mittlerweile bis zu
den Hüften fielen und ihre smaragdgrünen Augen hatte er nie vergessen können.
Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht. Sie stieß die Tür ganz auf und umarmte ihn.
„Ray... Ich dachte, ich würde dich niemals wieder sehen! Komm rein!“ Sie löste
sich von ihm und zog ihn über die Schwelle, dann schloss sie die Haustür
wieder. Für einen kleinen Moment lehnte sich Jade haltsuchend gegen die Tür.
Rays plötzliches Auftauchen war ein Schock... Jade wusste nicht, ob sie sich
darüber freuen sollte.
„Wie
geht es dir?“ Ray sah sich im Wohnzimmer um. Auf der Couch lag eine zerknüllte
Wolldecke, ein Kissen, Damenslips, Strumpfhosen, Jeans. Mehrere Paar Schuhe
waren über den Teppich verteilt. Der Rest der Wohnung war blitzblank... Die
Unordnung auf der Couch passte so gar nicht zu ihr. Jade bemerkte seinen Blick.
„Meine Schwester wohnt vorübergehend bei uns. Ihre Bude ist abgefackelt...“
Jade wusste nicht recht, wie sie reagieren sollte. Sie hatte sich noch nicht
von dem Schock erholt, Ray wiederzusehen. Ray nickte kaum merklich und sah sich
weiter um. Uns... Sie lebte also
nicht mehr alleine... Ein Foto auf dem Fernseher stach ihm ins Auge. Jade
umarmte darauf einen blonden, muskulösen Mann mit stahlblauen Augen. Beide
lachten glücklich in die Kamera. Jade folgte seinem Blick. „Du erinnerst dich
an Curtis? Wir sind jetzt zusammen...“ erklärte Jade. „Möchtest du etwas
trinken?“ Jade wollte von dem Foto ablenken. „Gerne...“ Ray sah immer noch das
Foto an. Ja, er erinnerte sich an Lemansky, den alle nur Lemonhead oder Lem
riefen. Jade und Curtis waren also ein Paar... Ray biß die Zähne zusammen. Er
hätte nicht kommen sollen. Wunden, die er längst verheilt glaubte, klafften
wieder auf.
„Komm,
wir gehen in die Küche!“ Jade verzog bei dem Anblick des unordentlichen Sofas
genervt das Gesicht. Ray folgte ihr in die Küche und setzte sich an den
Eßtisch, während Jade ein Glas mit Mineralwasser füllte. Sie stellte es vor ihn
auf den Tisch, dann nahm sie ihm gegenüber Platz. Jade lächelte unsicher. „Also
ist heute der Tag gekommen, an dem ich meine Schulden begleichen muß...“ Jade
musterte Ray. Er hatte sich nicht verändert. Die Zeit mit ihm... Sie hatte sie
mit aller Macht aus ihrem Bewußtsein verdrängt. Zu schmerzlich waren die
Ereignisse damals gewesen. Für alle Beteiligten. Jade schob die Erinnerung, die
sich eben gerade in ihr Bewußtsein geschoben hatte, zur Seite. „Was soll ich
für dich tun?“ Es war besser, sich abzulenken. Über Ray oder ihre damalige Zeit
nachzudenken würde nur Schmerzen verursachen. Jade wusste, weshalb Ray kam.
Doch so lange er es nicht ausgesprochen hatte, konnte Jade hoffen, dass sie
sich irrte. Ray trank einen Schluck Wasser. Er wollte Jade Zeit geben, sein
Auftauchen zu verdauen. Und er wollte sich nicht eingestehen, dass er selber
ein wenig Zeit brauchte. Schon während der Fahrt von Boston nach Los Angeles
hatte er sich auf den Moment vorbereitet, wenn Jade wieder vor ihm stehen
würde, doch trotzdem hatte es ihn kalt erwischt. Er hätte wirklich nicht kommen
sollen! Er hätte nicht dem Drängen seines Freundes nachgeben dürfen... Er hätte
die Vergangenheit einfach ruhen lassen und die Dinge so weiter laufen lassen
sollen. „Jade...“ Ihren Namen auszusprechen war Himmel und Hölle zur gleichen
Zeit. „Jade, ich...“ Weiter kam er nicht.
„Ich
bin zu Hause!“ Die Haustür fiel krachend ins Schloss. „Jemand da? Jade? Lem?
Falls ihr gerade poppt, ich komme jetzt rein!“ ließ sich eine weibliche Stimme
vernehmen.
„Ich
töte sie! Eines Tages töte ich sie!“ stöhnte Jade. „Ich bin in der Küche!“
fauchte sie dann genervt. Keine zwei Sekunden später stand sie in der Tür. Bei
ihrem Anblick ließ Ray das Glas sinken. Sie war in etwa so groß wie er, hatte
schulterlange, blonde Haare und hellblaue Augen. Sie trug eine enge, schwarze
Jeans und ein weißes Tanktop. Die Fotos die er von ihr gesehen hatte, wurden
ihrer nicht gerecht.
„Oh,
entschuldige Jade, ich wusste nicht, dass du Besuch hast,“ sagte die Frau
verlegen. Lächelnd reichte sie Ray die Hand. Da Jade keine Anstalten machte,
sie vorzustellen, tat sie es selber. „Mein Name ist Melinda Cartwright!“
Ray erhob sich von seinem Stuhl
und hauchte ihr charmant einen Kuss auf den Handrücken. Er ließ sich nicht
anmerken, dass er sehr wohl wusste, wer sie war. „Ray Sheffield,“ sagte er und
sein Timbre ließ Melinda einen Schauer über den Rücken laufen. Schnell zog sie
ihre Hand wieder weg. Ihr Blick streifte Jade, die genervt die Auge rollte.
„Es tut mir Leid, das Chaos hier
ist meine Schuld.“ Melinda wies mit dem Kinn rüber zum Wohnzimmer. Dann sah sie
ihre Schwester an. „Aber, falls es dich beruhigt, Jade: Ich habe eine Wohnung
gefunden. Allerdings kann ich erst in zwei Monaten dort einziehen!“
„Gott steh mir bei, dass ich dich
nicht vorher umlege!“ stöhnte Jade. Sie hatte die Nase gestrichen voll von
Melindas Unordnung.
Ray grinste verstohlen. Es war ihm
ein Rätsel, wie zwei Schwestern so unterschiedlich sein konnten... Melinda
entging sein Grinsen nicht, deutete es jedoch falsch.
„Naja, ich lass euch beide dann
mal wieder allein. Ich habe noch eine Verabredung.“ Melinda schnappte sich ein
paar Schuhe vom Fußboden, die sie hatte holen wollen.
„Eine
Verabredung? Du?“ fragte Jade erstaunt und forscher als sie es beabsichtigt
hatte. Zwar mochte sie ihre Schwester, aber so langsam gingen sich die beiden
Frauen auf die Nerven.
„Falls
du es vergessen haben solltest, Jade: Heute ist der 6. Mai. Johns Todestag. Da
bin ich immer auf dem Friedhof!“ gab Melinda scharf zurück. Es schmerzte sie,
dass Jade sich standhaft weigerte, Johns Grab zu besuchen.
„Hab
ich vergessen...“ Jade zuckte mit den Schultern. Für sie war der Tag
bedeutungslos. Melinda kniff fest die Lippen zusammen. Sie hatte sich mehr
Mitgefühl von Jade erwartet, auch wenn Johns Tod sechs Jahre zurück lag. Für
sie war es immer noch wie gestern... „Ich gehe dann mal...“
„In
Ordnung! Und tu mir einen Gefallen: Wenn du nachher wiederkommst: Sei
ausnahmsweise mal ein wenig dezent! Ich weiß nicht, wie lange ich Lem noch
davon abhalten kann, dich rauszuwerfen!“
Melinda
verdrehte die Augen. Doch Jade beachtete sie schon nicht mehr. Sie
konzentrierte sich wieder auf Ray. Melinda beäugte den Fremden verstohlen.
Himmel, sah der gut aus! Woher kannte Jade ihn? Sie hatte den Namen Ray
Sheffield noch nie erwähnt! Weder Ray noch Jade sagten ein Wort. Melinda
seufzte. „Bis später...“ Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu gehen...
Jade
wartete, bis die Haustür hinter ihrer Schwester ins Schloß fiel. „Also gut, was
für einen Gefallen?“ Es nutzte nichts, es auf die lange Bank zu schieben.
Ray
musterte Jade aufmerksam. Sie war immer noch Detective auf einem Revier im
Distrikt Farmington. Und sie gehörte einem speziellen Team an, das sich Strike
Team nannte. Ray wußte genau, wie das Strike Team arbeitete. Er hatte schon
einmal mit ihnen zu tun gehabt. Damals, vor sechs Jahren...
„Das
oberste Gericht in Boston hat Peter Larson rechtskräftig verurteilt. Es ist
vorbei, Jade...“ Ray griff über den Tisch nach Jades Hand. Ihre Augen wurden
groß, entsetzt keuchte sie auf. „Das kannst du nicht von mir verlangen...“
„Ich
weiß, es hat lange gedauert. Keiner hätte damit gerechnet, dass es Larson
schafft, den Prozeß über sechs Jahre hinzuziehen. Aber nun ist es entgültig
vorbei. Du weißt, was es bedeutet!“
Jades
Augen füllten sich mit Tränen. „Du verlangst zuviel, Ray!“
„Ich
verlange nur, dass du das gleiche tust wie ich! In zwei Tagen kehre ich zurück
nach Boston...!“ Ray stand auf und verließ das Haus. Jade hörte draußen einen
Motor anspringen. Tränen rollten über ihre Wangen. All die Erinnerungen brachen
wieder über sie herein. Und sie wusste nicht, ob sie um die beiden Männer
weinte, die sie damals vor sechs Jahren verloren hatte, als sie Ray den Gefallen
schuldig wurde, oder um den Menschen, den sie verlieren würde, um ihre Schuld
zu begleichen...
******
Wütend
nahm Melinda sich ein Taxi und ließ sich zum zentralen Friedhof bringen. Sie
bezahlte den Fahrer, stieg aus und trat durch das große, schmiedeeiserne Tor.
Langsam ging sie durch die Reihen, bis sie zum ältesten Teil des Friedhofes
kam. Die ältesten Grabsteine, die hier standen, waren aus dem Jahr 1886. Völlig
fehl am Platz wirkte daher das Grabmal von John Cartwright, ihrem Mann. Es war
immer sein Wunsch gewesen, hier beerdigt zu werden, wo bereits Generationen von
Cartwrights unter der Erde lagen. Und es war eine Selbstverständlichkeit
gewesen, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. „Oh John!“ Melinda kniete sich nieder
und legte eine einzelne, rote Rose auf das Beet. Tränen rannen ihre Wangen
hinab. Wie ein Mantel der Dunkelheit lag die Trauer auf ihren Schultern. Der
Mantel war so schwer, dass es unmöglich war ihn abzustreifen...
„Eine
so schöne Frau wie Sie sollte nicht weinen!“
Erschrocken
fuhr Melinda herum. Ray Sheffield stand einige Meter hinter ihr. Sie hatte ihn
nicht kommen hören. „Ich wollte Sie nicht erschrecken, verzeihen Sie!“
„Nein,
ich habe mich zu entschuldigen,“ sie schlug ihre blauen Augen nieder und
wischte sich die Tränen fort. Es war ihr peinlich, dass der Fremde sie hatte
heulen sehen. „Seit ich meine Wohnung verloren habe, bin ich… etwas aus der
Bahn!“
Sheffield
warf einen Blick auf das Grab. „Wie ist er gestorben?“ fragte er und musterte
Melinda aufmerksam.
„John?“
Melinda starrte auf den Grabstein. „Er wurde erschossen, im Dienst. Er war
Cop... Aber die genauen Umstände seines Todes konnten nie aufgeklärt werden.“
Ray
nickte. Sie wusste es also wirklich nicht. Noch nicht!
******
„Jade?“
Lems Stimme riß sie aus ihren Grübeleien.
„Hier!“
meldete sie sich. Hastig wischte sie sich die Tränen fort. Ihre Augen begannen
zu strahlen, als Curtis Lemansky die Küche betrat. Jade erhob sich und schloß
die Augen, als er sie in seine Arme nahm und küsste. Seine Nähe gab ihr ein
Gefühl von Geborgenheit. Geborgenheit, die sie so nötig brauchte. Einige
Minuten ließ sie sich einfach von ihm halten. „Was ist denn los?“ fragte Lem
überrascht. „Ist alles in Ordnung?“
Jade
war noch nicht bereit mit Lem über Ray zu sprechen. „Klar...“ Ihre Hände
glitten unter sein Shirt. „Ich habe noch gar nicht geduscht!“ wehrte Lem ab,
der genau wusste, was Jade im Schilde führte. „Um so besser! Ich liebe den
Geschmack deiner Haut!“ grinste Jade und ging in die Knie. Sie musste sich
ablenken und welch wirkungsvollere Ablenkung gab es, als Lem zu verwöhnen?
„Jade...Wenn deine Schwester...“
„Ist
unterwegs! Vergiß sie!“ murmelte Jade und öffnete geschickt seine Jeans. Lem
schluckte und schloß die Augen. Wenn das so war... Schon spürte er ihr Lippen
an seinem besten Stück. „Jade, nicht so wild...“ Lem versuchte, Jade von sich
zu schieben. Wie eine hungrige Wölfin hing sie an seinem Schwanz und saugte
daran herum, als erwarte sie, die Ölquellen von Texas zum sprudeln zu kriegen.
„Ich
habe keine Ahnung, wie viel Zeit wir haben! Und ich habe es satt immer leise zu
sein!“ raunte Jade, als sie sich für einen kurzen Moment von Lem löste. Er
schloss die Augen und versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.
Diesem Ansturm war er nicht gewachsen! „Okay, okay, okay! Schluß!“ Entschlossen schob er Jade von sich. Er hob sie
auf seine Arme und trug sie ins Schlafzimmer. Sanft setzte er sie auf dem Bett
ab. „Zieh dich aus!“ befahl er ihr. Dem kam sie nur zu gerne nach. Um ihn auf
die Folter zu spannen, erhob sie sich und strippte in Seelenruhe für ihn.
„Jetzt reicht es mir!“ schnaufte Lem, streckte den Arm aus, packte Jade am
Handgelenk und warf sie auf das Bett. Mit einer schnellen Bewegung war er über
ihr, schob sich hastig seine Jeans und die Boxershorts runter, drängte ihre
Beine auseinander und stieß in sie. Jade verdrehte verzückt die Augen, während
Lem erleichtert aufatmete. „Du bist ein verdorbenes Biest!“ schimpfte er,
während er sie hart und rücksichtslos nahm. „Da kommt man nichtsahnend von der
Arbeit und wird überfallen...“
„Ja,
genauso wie du es gerne hast...“ keuchte Jade. Es dauerte nicht lange und sie
kamen gemeinsam zum Höhepunkt. Lem scherte es nicht, dass Jade ihm den ganzen
Rücken zerkratzte und ihm fest in die Schulter biß. Er fühlte nur eine
unendliche Erleichterung, als er sich in ihr ergoß. Schwer atmend blieb er auf
ihr liegen. „Ich liebe dich, Jade... Ich liebe dich so sehr! Ein Leben ohne
dich ist für mich unvorstellbar...“
Für
einem Moment beschlich Jade ein schlechtes Gewissen. Sie lag hier in Lems
Armen, während Melinda einsam und alleine an Johns Grab trauerte... Doch dann
verdrängte sie das Gefühl. Und den Gedanken an den Mann, der ihr vor einigen
Jahren ähnliche Worte ins Ohr geflüstert hatte und dem sie noch einen Gefallen
schuldig war. Einen Gefallen, den sie bald in die Tat umsetzen musste...
******
Ray
Sheffield war bereits wieder gegangen. Ohne dass sie weitere Worte gewechselt
hätten. Er war genauso lautlos verschwunden, wie er aufgetaucht war. Melina
seufzte, wischte sich die Tränen fort, die ihr wieder über das Gesicht rannen,
als sie die Inschrift in dem Grabstein zum Millionsten Mal las. Die Gedanken
wirbelten in ihrem Kopf herum. Wieso kam der Fremde zu Johns Grab? Wer war er?
Sie hatte keine Antworten auf ihre Fragen. Aber sie würde Jade später
ausfragen. Melinda sah auf die Uhr. Es wurde Zeit für sie zu gehen. Ihre Arbeit
wartete. Sie musste in die Redaktion und noch einige Berichte vom Vortag
abtippen. Noch etwas, womit sie ihre Schwester nicht glücklich machte...
Melinda war freie Journalistin und hatte sich entschlossen, eine
Haut-an-Haut-Reportage über die Spezialkräfte in Los Angeles zu schreiben.
Praktischer Weise gehörte Jade zum „Strike Team“, eben eine dieser
Spezialeinheiten, Schwerpunkt Bandenkriminalität. Es lag förmlich auf der Hand,
Vic und seinen Jungs über die Schulter zu schauen. Zumal sie alle mehr oder
weniger gut kannte. Jade hatte entsetzt abgelehnt, als sie vor zwei Wochen den
Vorschlag machte und hatte das Team natürlich hinter sich. Doch Melinda hatte einen
Trumpf aus dem Ärmel gezogen: Sie hatte den politisch ambitionierten Captain
auf ihre Seite gezogen. Zähneknirschend musste sich das Strike Team damit
abfinden, für einige Wochen den Babysitter zu spielen...
Als
Melinda spät in der Nacht nach Hause kam, schliefen Jade und Lem bereits. Und
als sie am Morgen aufwachte, waren die beiden schon weg...
******
„Morgen...“
brummte Vic Mackey, der Leiter des Strike Teams unwirsch, als er das Clubhaus -
so nannte das Strike Team ihren Aufenthaltsraum im Revier - betrat und Melinda
auf der Couch sitzen sah. Für gewöhnlich betrat niemand unaufgefordert das
Clubhaus. Selbst Captain Aseveda vermied es so gut es ging. Melinda kannte
keine Zurückhaltung. „Guten Morgen...“ gab sie zuckersüß zurück. Mochte Vic
Mackey ihr noch so brummig gegenübertreten, sie ließ sich von ihm nicht
einschüchtern. Was sie allerdings keinem Verdächtigen raten würde. Vic Mackey
war 1,80 m groß, seine bullige Statur, seine Glatze, die tiefblauen Augen und
seine harten Gesichtzüge wirkten sehr einschüchternd. Doch da sie ihn schon des öfteren privat
erlebt hatte, prallte sein kalter Blick von ihr ab. Meistens zumindest.
„Wo
sind Lem und Jade?“ knurrte Vic. Wieso konnte Melinda nicht zu Hause bleiben?
Er hatte es satt, den Babysitter zu spielen!
„Keine
Ahnung... Sie waren schon weg, als ich aufwachte und ich musste mit meinem
eigenen Wagen fahren.“ Melinda zuckte die Schultern und vermied es, ihren Ärger zu
zeigen. Jade und Lem zeigten ihr überdeutlich, wie unwillkommen sie auf dem
Revier war. Vic grinste hämisch. Er wusste, wie genervt Lem von seiner
Schwägerin war. Die Tür zum Clubhaus flog auf.
„Man
kann sich morgens nicht mal in Ruhe einen Kaffee kaufen!“ stöhnte Jade. Lem
folgte ihr dicht auf den Fersen, er grinste gutgelaunt.
„Hey
Vic!“ Jade küsste Vic kurz auf die Wange.
„Was
ist passiert?“ fragte er und sah von Jade zu Lem.
„Ich
steig am Coffeeshop aus, um uns einen Kaffee zu holen, drüben an der Vermont...
Da spricht mich ein Typ an und bietet mir 40 $, wenn ich ihm meine Pussy zeige!
Am hellichten Tag!“ entrüstete sich Jade. Lem kicherte vergnügt. „Seh ich wie
eine Nutte aus?“ schimpfte Jade.
Vic
legte den Kopf schief und grinste. Jade trug eine enge Jeanshose und ein ebenso
enges Shirt. Beides trug nicht gerade dazu bei, ihre Kurven lediglich dezent in
Szene zu setzen.
„Wage
es ja nicht!“ herrschte Jade ihn an. Sie sah ihm an der Nasenspitze an, was er
dachte.
„Und
was ist passiert?“ fragte Melinda neugierig, die bisher noch gar nicht beachtet
wurde, aber eifrig Notizen machte.
„Ich
habe ihn verhaftet!“ antwortete Jade. Lem räusperte sich vernehmlich.
„Verhaftet?“ fragte Vic
scheinheilig nach.
„Nachdem sie ihm kräftig in die Eier getreten und ihm den Arm ausgekugelt hat!“
präzisierte Lem. „Er hockt im Käfig und weint wie ein Schloßhund. Hat Schiß,
dass seine Frau
davon erfährt!“ Lem gab Jade einen Kuß
auf die Schläfe. Er war eindeutig stolz auf sie. „Was liegt denn heute an?“ Er
warf Vic einen Blick zu.
„Aceveda
bereitet uns eine besondere Freude. Es reicht nicht, dass Melinda uns hier im
Clubhaus auf die Pelle rückt, sie soll bei uns mitfahren!“
„Der spinnt doch!“ brauste Lem
sofort auf. „Kommt ja gar nicht in Frage!“ stimmte Jade zu. „Und warum nicht?
Ich bin doch kein Baby!“ Melinda stand auf und baute sich drohend vor ihrer Schwester
auf.
„Weil es zu gefährlich ist! Wir spielen hier nicht mit Wasserpistolen! Also bei
mir fährst du nicht mit!“ Jade blieb unnachgiebig.
„So ist es! Wir sind weg!“ Lem schob Jade schnell durch die Hintertür nach
draußen. Melinda sah Vic auffordernd an. „Tja, dann bleiben wohl nur noch wir
übrig!“
Vic biß
die Zähne zusammen, dann griff er nach seinem Handy. Er rief seinen Partner an.
„Shane? Ich arbeitet heute mit Ronny. Und du wirst babysitten!“
„Was?“
Shane Vendrell ließ fast das Handy fallen. Er war nicht mal auf dem Revier
angekommen und der Tag wurde schon beschissen...
„Miss
Cartwright freut sich drauf, heute mit dir zu fahren!“ erklärte Vic und klappte
das Handy zu, ehe Shane protestieren konnte. „Viel Spaß heute!“ wünschte Vic
und machte sich schleunigst aus dem Staub....
„Arschloch!“
brummte Melinda. Mutterseelenallein hockte sie im Clubhaus. Shane war noch
nicht da. Pünktlichkeit war nicht gerade die Stärke des vorlauten Südstaatlers.
Melinda griff in ihre Handtasche und fischte die Automatik heraus, das einzige
Erinnerungsstück, das sie noch von John hatte. Sie steckte sie sich am Rücken
in den Bund ihrer Jeans, wie sie es oft im Fernsehen gesehen hatte und
drapierte ihre Lederjacke so darüber, dass man nichts sah. Bisher hatte sie zwar
nur hier im Clubhaus oder auf dem Revier rumlungern dürfen, doch sie kannte das
Strike Team lange genug, um zu wissen, wenn man mit Vic und seinem Team
unterwegs war, musste man auf alles gefasst sein. Auch dass auf einen
geschossen wurde. Andererseits, in ihrer derzeitigen Situation war es ihr
scheißegal, ob sie von jemandem über den Haufen geknallt wurde oder nicht. Sie war an einem Punkt in
ihrem Leben, wo es schlicht bedeutungslos war. Mit dem Brand in ihrer Wohnung
hatte sie nicht nur den Ort verloren, wo sie nachts schlief, sondern auch all
ihre Besitztümer und, was viel schlimmer war, all die Dinge, die John einmal
gehört hatten. Bei diesem Gedanken kamen ihr schon wieder die Tränen. Hastig
wischte sie sie weg, als sie näher kommende Schritte hörte. Die Tür flog auf
und Shane Vendrell betrat den Raum. Ihm war anzusehen, dass er äußerst miese
Laune hatte. Melinda fand Detective Shane Vendrell attraktiv, aber menschlich
gesehen war er ebenso ein Arsch wie jedes Mitglied des Strike Teams. Melinda
biss sich bei diesem Gedanken auf die Zunge. `Stimmt ja gar nicht´, dachte sie.
Nur weil dich hier niemand mit offenen Armen empfangen hat…
Vic
Mackey, Shane Vendrell, Ronni Gardocki, Curtis Lemansky und Jade standen sich
näher als ein gewöhnliches Team. Sie standen füreinander ein. Sie würden
füreinander sterben. Sie waren eine Familie. Eine Familie, zu der Melinda
schlichtweg nicht dazu gehörte. Sie war „nur“ Jades Schwester. Und eine
neugierige Journalistin dazu. Was ihre Position gegenüber dem Strike Team nicht
verbesserte. Doch Melinda war fest entschlossen, nicht nur eine gute Story
abzuliefern. Sie wollte dazu gehören! Was hatte sie denn noch? John war tot. Es blieb ihr nur noch Jade... Und die Jungs aus dem Strike
Team...
„Hallo Shane!“ Melinda lächelte Shane
an. Sie wusste, dass sie ihm gefiel und hoffte, seine Laune ein wenig
verbessern zu können, wenn sie freundlich zu ihm war.
„Hey!“
Shane sah sich um und rollte mit den Augen. Typisch, die anderen hatten sich
natürlich schon abgesetzt!
„Können
wir?“ Melinda schob sich neben die Hintertür. Sie war begierig darauf, endlich
näher an die Action zu kommen. Die letzten zwei Wochen auf dem Revier waren -
nun ja, stinklangweilig wäre nicht das
passende Wort - aber eben furztrocken gewesen.
Vendrell
seufzte. Er hatte absolut keinen Bock für Jades Schwesterlein den Babysitter zu
spielen. Andererseits, wenn er sie so betrachtete, von oben bis unten, schlecht
sah Melinda nicht aus. Insgeheim fragte Vendrell sich, was Melinda wohl unter
der hautengen Jeans trug. Bei Jade hatte er nie landen können. Doch vielleicht
hatte er bei ihrer Schwester mehr Glück?
„Shane!“
Captain Aceveda steckte den Kopf zur Tür herein. Irritiert sah er sich um. Sein
Blick blieb auf Melinda haften. „Wo sind die anderen?“
„Schon weg! Ich bin der Babysitter...“ Shane zuckte die Schultern.
Aceveda
knirschte mit den Zähnen. Das war nicht der Befehl, den er Mackey gegeben
hatte! „Okay... Sie und .... Miss Cartwright...“ Aceveda seufzte genervt. „Fahren Sie zur Lamont. Einige Stricher sind dort mehrfach
attakiert worden... Ich will, dass das aufhört!“ Schon klappte die Tür schon
wieder zu.
„Gibt
er immer so deutliche Befehle?“ fragte Melinda. Sie hatte keine Ahnung, was
Acevda erwartete.
„Ich
wünschte, er würde es tun!“ grinste Shane. ER wußte genau, was zu tun war. Auch
wenn Stricher nicht unbedingt zu dem Klientäl gehörten, für die er sich ein
Bein ausriß...
„Dann
komm, Süße!“ Er gab Melinda einen Klaps auf den Hintern und Melinda schrie
erschrocken auf. „Spinner!“ murmelte sie und musste kräftig ausschreiten um mit
ihm Schritt halten zu können. Kaum hatte sie sich in den Sitz des Wagens fallen
lassen, trat Vendrell auch schon das Gaspedal durch. Hastig schnallte sich
Melinda an und zückte anschließend Block und Stift. „Erzähl mir etwas über das Strike
Team!“ Es war die erste Gelegenheit, einen von ihnen alleine ausquetschen zu
können. Jade und Lem klebten aneinander wie Fliegen auf einem Stück Leimpapier
und beide beherrschten erstklassig die Kunst, Melinda zu ignorieren wenn sie
Abends daheim waren.
„Hä?“
Vendrell raste im halsbrecherischen Stil über die Straßen.
„Hallo,
schon vergessen? Ich bin hier um eine Story über Spezialkräfte zu schreiben!
Gib mir ein paar Informationen über das Team!“
„Äh,
also da gibt es Vic, ich meine Mackey … Ronny, Lem, mich und … ja... äh, Jade
…“ zählte Shane auf, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Genervt löste
Melinda wieder den Sicherheitsgurt und setzte sich auf die linke Pobacke. „Sag
mal, geht’s noch? Ich bin Jades Schwester, ich KENNE die Mitglieder eurer
Einheit, auch wenn sie mich nicht mal mit dem Arsch angucken! Ich will wissen
was ihr tut! Ich meine, wenn Captain Aceveda euch nicht gerade wegen
irgendetwas zur Sau macht!“
„Pffff,“
machte Vendrell. Diese blöde Zicke! Er warf ihr einen genervten Blick zu,
stutzte kurz, dann trat er voll auf die Bremse. Melinda konnte sich nicht
rechtzeitig abstützen, wurde nach vorne geschleudert und knallte mit der
rechten Schläfe gegen die Frontscheibe. „SPINNST DU?“ schrie sie. Ihr Kopf
dröhnte wie ein Bienenstock. Als sie ihre Schläfe abtastete, spürte sie Blut an
ihren Fingerspitzen. „Mist!“ fluchte sie und suchte in ihrer Handtasche hastig
nach einem Taschentuch.
„Scheiße!“
fluchte Shane. Gleichzeitig riss er die Wagentür auf, zog seine Dienstwaffe und
rannte los.
„Vollidiot,“
murmelte Melinda, als ihr klar wurde, dass sich sein Fluch nicht auf ihren
Unfall bezog. Genauer gesagt hatte Shane noch gar nicht registriert, dass sie
verletzt war. „Alles Vollidioten und Wahnsinnige in dieser Einheit!“ schimpfte
sie und presste sich das Taschentuch fest gegen die Schläfe. Sie sah sich
suchend um, doch Shane war nirgendwo zu sehen. Nach ein paar Minuten kehrte er
zurück. Vor sich her schob er einen mit Handschellen gefesselten und zeternden
Mann. Er sah abgerissen und abgemagert aus, hatte dunkle Augenringe und stank
fürchterlich nach Alkohol und Schmutz. Melinda schätzte ihn als Junkie
ein.
„Das
ist Frank Payson, den suchen wir schon seit zwei Monaten,“ erklärte Shane
grinsend. Dann warf er einen Blick auf Melinda. Sie rechnete damit, dass er sich jetzt
entschuldigen würde, sich erschrocken um ihre Verletzung kümmern würde, aber da
kannte sie Shane Vendrell schlecht...
„Wenn
du mir das Auto vollblutest, bezahlst du die Reinigung!“ schnauzte er sie an.
Melinda sah ihn mit funkelnden Augen an. Plötzlich entsann Shane sich, dass
Melinda die Schwester von Jade war. Und die würde ihm die Eier rösten, wenn er
ihr Schwesterchen nicht gut behandelte! „Okay, schon gut, ich fahr dich ins
nächste Krankenhaus,“ fügte er reumütig hinzu. Shane schob den Verhafteten auf
die Rückbank des Wagens.
„Herzlichen
Dank!“ fauchte Melinda. Die Schimpfworte, die ihr noch auf der Zunge lagen,
schluckte sie hinunter. Vorerst...
******
Zwei
Stunden später trudelten Vic, Ronny, Lem und Jade gut gelaunt wieder im
Clubhaus ein. Melinda lag auf der Couch. Auf ihrer Schläfe klebte ein großes
Pflaster. Sie hatte einen Lappen über den Augen und heftige Kopfschmerzen.
„Hey,
alles klar?“ fragte Jade im Vorbeigehen ohne Melinda näher anzusehen.
„Ich
hab mir Payson geschnappt,“ verkündete Shane stolz.
„Glückwunsch!“
Ronny und Lem klopften ihm auf die Schultern.
„Ach
ja, und Melinda hatte einen kleinen Unfall...“ fügte er hinzu.
„Unfall?“
stöhnte Melinda und nahm den Lappen hoch. Sie versuchte sich aufzurichten, doch
sofort schoß ihr ein heißer, stechender Schmerz von einer Schläfe zur anderen.
Ächzend sank sie wieder zurück.
„Was
ist passiert?“ fragte Jade. Sie fixierte Shane, damit er ja nicht auf den
Gedanken kam, ihr eine Lüge aufzutischen.
„Ich
habe gebremst und sie war nicht angeschnallt...“ schilderte Shane den Unfall.
„Ich
WAR angeschnallt!“ fauchte Melinda und warf wütend ihren Lappen nach ihm.
„Wenn
du angeschnallt gewesen wärest, hättest du nicht die Scheibe geknutscht!“
entgegnete Shane trocken. „Aber vielleicht kapierst du ja jetzt endlich, dass
du hinter den Schreibtisch gehörst und nicht in mein Auto...“ Außer willig und breitbeinig auf den
Rücksitz fügte er in Gedanken hinzu, hütete sich aber es auszusprechen, so
lange Jade in Hörweite war.
Jade
biß die Zähne zusammen. Sie hatte keine Lust auf diese
Kindergartenstreitereien. Sie wusste, wenn Shane sich erst mal reinsteigerte,
würde er stundenlang darüber lamentieren. „Hört auf zu streiten! Melinda, ich
fahre dich nach Hause!“ Jade half ihrer Schwester beim Aufstehen. Als sie sie
im Rücken stützte, ertastete sie die Waffe. Jade sah Melinda erschrocken an,
dann bugsierte sie sie schnell nach draußen.
„Hast du nicht mehr alle Tassen im Schrank?“ schrie Jade sie an, kaum dass sie
auf dem Parkplatz waren. Sie riß Melindas Jacke hoch und nahm die Automatik.
„Du hast keinen Waffenschein! Was willst du überhaupt mit dem Ding? Etwa
mitballern, wenn wir im Einsatz sind?“ Jade war auf 180. „Hier! Fahr nach
Hause!“ Sie drückte
Melinda die Schlüssel ihres Wagens in die Hand. Die Lust Krankenschwester für
ihre verletzte Schwester zu spielen, war ihr gründlich vergangen.
„Ich
hab mein eigenes Auto!“ Trotzig gab Melinda den Schlüssel zurück.
„Dann
nimm es! Und tu mir einen Gefallen: halt dich heute zurück! Ich muß überlegen,
was ich mit der Waffe mache. Wenn Lem davon erfährt, schmeißt er dich hochkant
raus! Und das wäre noch deine geringste Sorge!“ Jade fuhr sich durch die Haare.
Verdammt! Woher hatte Melinda den Ballermann?! Und wie konnte sie auf die bescheuerte
Idee kommen, ihn zu tragen?
„Jade...“
Melinda fühlte sich schuldig. Sie hätte die Waffe nicht mitnehmen dürfen.
„Fahr
nach Hause!“ Jade hörte sich erschöpft an. Sie strich Melinda über den Rücken.
„Leg dich zu Hause hin und ruh dich aus. Ich kümmere mich darum...“ Jade
wartete, bis Melindas Wagen vom Parkplatz rollte, dann kehrte sie zurück ins
Clubhaus.
„Du
waschechter Vollidiot!“ schrie Jade, packte Shane am Hemdaufschlag und presste
ihn gegen die Wand. „Du hättest beinahe meine Schwester umgebracht!“
„Hey,
komm schon, Jade, es war ein Unfall!“ Shane versuchte, sie von sich zu drücken.
„Warum
hast du Arsch nicht besser auf sie aufgepasst?“
„Jade,
es war ein Unfall,“ Lem umfasste Jades Schultern. Er musste sie fast mit Gewalt
von Shane fortziehen.
„Wenn
du noch mal so einen Scheiß machst, leg ich dich um, verstanden?“ schimpfte
Jade. Lem runzelte die Stirn. Was war mit Jade los? Sie regte sich doch sonst
nie so auf! Und wenn er genauer darüber nachdachte, war Jade schon den ganzen
Tag nervös und gereizt gewesen...
Vendrell
seufzte ergeben und schnappte sich seinen Autoschlüssel.
„Wo
willst du hin?“ fragte Vic.
„Einen
Krankenbesuch machen, ehe Melinda petzt und mir Aceveda auch noch den Arsch
aufreißt. Und bei der Gelegenheit kann ich ihr gleich die Rechnung geben.
Irgendjemand muss schließlich die Reinigung meines Autos bezahlen.“
„Wie
gut, dass ich ihr die Waffe abgenommen habe…“, murmelte Jade. Melinda würde
Shane abknallen, wenn er es wagen würde, ihr eine Rechnung unter die Nase zu
halten.
„Welche
Waffe?“ fragte Lem sofort. Jade zuckte zusammen. Verdammt, warum hatte Lem auch
so gut Ohren? „Äh...“ druckste Jade herum.
„Welche
Waffe?“ fragte Lem streng.
Jade
seufzte und rückte die Automatik raus. „Die hatte Melinda bei sich...“
Lem
verzog das Gesicht. „Ich habe die Schnauze voll, Jade!“
„Curtis...“
„NEIN! Es reicht! Sie hat sich in unserem Haus eingenistet. Okay, ihre Bude ist
abgebrannt und sie ist deine Schwester. Aber das gibt ihr nicht das Recht,
unser Wohnzimmer in einen Schweinestall zu verwandeln! Es sieht dort aus, als
hätte eine Bombe eingeschlagen! Sie nimmt überhaupt keine Rücksicht auf unsere
Privatsphäre. Anklopfen??? Das ist für sie ein Fremdwort! Und dann taucht sie
hier auf und will eine Story über unser Team schreiben! Also geht sie mir auch
noch während des Dienstes auf die Eier! Und trägt dabei eine scharfe Waffe mit
sich rum, für die sie nicht mal einen Waffenschein hat! Für wen hält sie sich?
Calamity Jane?“ brüllte Lem herum. Betreten sah Jade zu Boden. Es war noch nie vorgekommen,
dass Lem sie anschrie.
„Lem
hat Recht!“ nickten Vic und Ronny, die bisher nur schweigende Zuhörer waren.
„Sie kann bei uns nicht mitfahren. Und sie darf keine Waffe tragen! Ohne
Waffenschein ist das ein schwerer Verstoß. Eigentlich müssten wir sie einbuchten!“
Vic verschränkte belustigt die Arme vor der Brust. Melinda würde toben, wenn er sie in
den Käfig sperren würde, den sie für ihre Verdächtigen bereit hielten.
„Curtis...“ versuchte es Jade noch
einmal.
„Nein!“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie wird ausziehen! Morgen
Abend ist sie verschwunden! Aus unserer Wohnung und aus unserem Job!“
„Curtis...“
Jade wollte ihm sagen, dass Melinda gehen würde, doch er ließ sie gar nicht zu
Wort kommen.
„Wenn
du es ihr nicht sagst, dann werde ICH es tun!“ Lems blaue Augen funkelten. So
wütend hatte sie Lem noch nie vorher gesehen.
„Okay...“
seufzte Jade. Ihr blieb ja nichts anderes übrig. Sie würde Melinda sowieso
reinen Wein einschenken müssen. Ray hatte ihr nur zwei Tage Zeit gegeben.
Außerdem... Melinda war zwar ihre Schwester, aber jedes Wort von Lem war die
volle Wahrheit...
„Gib
mal her,“ sagte Vic und nahm Lem die Waffe aus der Hand. Von einem Moment auf
den anderen verdüsterte sich sein Blick.
„Weißt
du, woher sie die Waffe hat?“ fragte er Jade. Er überprüfte das Magazin. Mit
der Waffe war lange nicht mehr geschossen worden.
„Nein!“
Jade schüttelte den Kopf. „Aber ich nehme mal an, es war Johns...“
Vic
steckte die Automatik ein. Er seufzte auf. „Wir hätten es damals alles anders
angehen sollen! Das hätte uns viel Kummer erspart!“
Jade
lächelte gequält. Sie hätte jetzt sagen können, dass sie vor sechs Jahren schon
dagegen gewesen war, Melinda nicht die Wahrheit zu sagen, doch damals war sie
von den Jungs überstimmt worden. Und wer hatte den Preis bezahlt? Melinda...
*****
Stöhnend
öffnete Melinda die Augen. Sie hatte versucht zu schlafen, doch gerade als sie
eingenickt war, klingelte es an der Tür Sturm. Sie erhob sich und schlurfte zur
Tür. „Ja?“ fragte sie durch die geschlossene Tür.
„Ich
bin’s, Shane! Mach auf!“ Um sie zur Eile anzutreiben, trat er mit der Spitze
seines Stiefels gegen die Tür.
„Hmpf...“
Melinda schob die Kette zur Seite und öffnete.
Shane
hielt ihr einen Blumenstrauß unter die Nase. Auf dem Weg zu Jade und Lems Haus
hatte er sich kurzfristig dazu entschieden, es mit der verständnisvollen Masche
zu probieren. Sicher würde er damit eher bei ihr landen, als wenn er weiter den
raubeinigen Macho raushängen ließ.
„Äh,
danke…“ Fast wäre Melinda vor Verlegenheit rot geworden. „Komm rein, ich suche
eine Vase.“
„Wie
geht es dir?“ fragte Shane und warf sich auf die Couch. Die Unordnung um sich
herum ignorierte er.
„Besser,
danke!“ Melinda holte eine Vase aus dem Schrank, ging in die Küche, füllte
Wasser ein und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Kaum hatte sie die Lilien ins
Wasser gestellt, wedelte Shane mit einem Stück Papier.
„Was
ist das?“
„Die
Rechnung für die Reinigung meines Wagens!“
Wut
kochte in Melinda empor. Erst brachte er sie fast um und dann wagte er es
tatsächlich, mit der Rechnung hier aufzutauchen! Während sie ihm mit der linken
Hand die Quittung entriss, versetzt sie ihm mit der Rechten eine Ohrfeige. Als
sie erneut ausholte, packte er blitzschnell ihr Handgelenk und zog sie zu sich
heran. „Du gibst mir ja nicht mal die Möglichkeit mich zu entschuldigen,“ warf
er ihr vor.
„Das
würdest du doch nie tun!“ zischte sie wütend.
Shane
grinste – und küsste sie. Er mochte temperamentvolle Frauen!
Melinda
wusste gar nicht was sie sagen sollte.
„Also,
wenn du die Reinigung meines Autos bezahlst, lade ich dich zum Essen ein!“
raunte Shane, als sich seine Lippen von ihrem Mund lösten.
Melinda
verschränkte die Arme vor der Brust. „Vergiss es, Shane!“
„Nun,
einen Versuch war es wert. Ich würde ja, ehrlich gesagt, auch viel lieber etwas
anderes mit dir machen, als essen zu gehen!“ Er grinste breit und schob sein
Becken ein wenig vor, damit sie auch ja begriff, was er meinte.
„Raus!“
Melinda wurde blass vor Zorn.
„Melinda,
ich …“ Plötzlich wurde Shane bewußt, dass sein Plan den verständsnivollen zu
spielen, etwas aus dem Ruder geraten war.
„RAUS!“ entschlossen bugsierte Melinda ihn zur Tür. Nur mit
Mühe konnte sie der Versuchung wiederstehen, ihm eine kräftigen Tritt in den
Hintern zu verpassen... Wütend knallte sie die Tür hinter ihm zu.
*****
Jade beschloss, früher nach Hause zu fahren. Sie musste die
Wogen zwischen Lem und Melinda ein wenig glätten. Außerdem wurde es wohl Zeit,
ein Gespräch von Schwester zu Schwester zu führen. Ein Gespräch, das Jade gerne
noch vor sich her schieben würde.
Als sie
nach Hause kam, lag Melinda im großen Doppelbett und schlief. „Oh Mann,
ausgerechnet auf Lems Seite! Der wird ausflippen...“ Jade ließ Melinda schlafen und machte sich daran, die Wohnung
aufzuräumen. Sie war gerade fertig, als Melinda aufwachte und gähnend ins
Wohnzimmer geschlurft kam. „Endlich!“ Jade ging an ihr vorbei und zog das Bett
ab. Als sie fertig war, kehrte sie zu ihrer Schwester zurück. „Hör mal...
Curtis ist stinksauer! Tu mir den Gefallen und reize ihn nicht noch mehr. Ich
musste ihm von der Waffe erzählen. Und ich habe keine Lust, mich wegen dir mit
ihm in die Haare zu kriegen!“
„Ja, ja...“ Melinda hörte gar nicht richtig zu. Sie zappte durchs
Fernsehprogramm. Eine Stunde später kam Lem nach Hause. Seine Miene verdüsterte
sich, als er Melinda sah. „Ich gehe duschen!“ sagte er zu Jade und küsste sie
sanft auf die Stirn.
„Okay,
ich mache das Abendessen!“ Jade sah ihm nach, als er das Bad betrat, dann ging
sie in die Küche. Sie schälte gerade Kartoffeln, als Melinda aufstand und ins
Bad ging. Melinda hörte zwar die Dusche rauschen, aber es war ihr egal. Ohne
anzuklopfen ging sie rein. Lem ließ sich gerade heißes Wasser über Kopf und
Schultern laufen. Er öffnete die Augen und erstarrte, als er Melinda durch den
transparenten Duschvorhang erkannte.
„Lass dich nicht stören!“ Ungeniert klappte Melinda den Klodeckel hoch, zog
sich die Hose runter und setzte sich auf die Brille. Während sie pinkelte,
musterte sie Lem von oben bis unten: „Bist nicht schlecht bestückt!“ bemerkte
sie trocken. Lems Erstarrung löste sich. „Jaaaadddeeeeee!“ brüllte er, riss das
Handtuch vor seinen Körper und hüpfte regelrecht aus der Wanne. Er stürmte
tropfnass in die Küche, doch Jade war nicht da. Durchs Fenster konnte er sehen,
wie sie mit einem Mann sprach, der neben einer schwarzen Corvette stand.
„Ray,
wieso?“ fragte Jade. Sie stand dicht vor ihm, fast meinte sie, seine
Körperwärme spüren zu können.
„Wieso
was?“ Sanft berührte er ihren Oberarm.
„Warum
verlangst du von mir, wieder einen Menschen herzugeben, den ich liebe?“
„Das
verlange ich nicht von dir. Das habe ich vor sechs Jahren auch nicht verlangt.
Du hättest doch mitkommen können! Aber du...“ In seiner Stimme klangen
Sehnsucht und Hoffnung mit.
Jade
legte ihm den Zeigefinger ihrer linken Hand auf den Mund. „Bitte Ray... Ich
habe mich damals entschieden, bei Melinda zu bleiben. Ich gebe zu, ich habe
viele Nächte geweint,
weil ich dich so sehr vermisst habe..“ Rays Augen begannen zu leuchten. Er
neigte den Kopf ein wenig, doch ehe seine Lippen sie berühren konnten, drehte
sie den Kopf zur Seite. „Ray... Meine Entscheidung damals war richtig...“
„Jade...“
„Ray,
warum kannst du die Vergangenheit nicht ruhen lassen?“
„Weil
wir damals einen Fehler gemacht haben! Du weißt es und ich weiß es! Und ich
finde es ist an der Zeit, es zu korrigieren! Bitte Jade!“
Jades
Kopf fuhr herum, als sie Lem im Haus brüllen hörte. „Ich kann nicht... Die
Zeiten haben sich geändert. Damals bin ich nicht mit dir gegangen, weil ich
Melinda beistehen musste. Und heute... Curtis ist der Mann, dem mein Herz
gehört...“ Ohne ein weiteres Wort ließ sie Ray stehen und eilte ins Haus. Als
sie die Haustür öffnete, prallte sie zurück. Lem und Melinda schrieen sich an,
dass die Wände wackelten. „Was ist denn nun los?“ wunderte sich Jade und blieb
wie angewurzelt stehen.
Melindas
Gesicht war hochrot vor Zorn, die Nasenspitze schneeweiß. „Es wird Zeit, dass
Jade mal für mich da ist. Und
Privatsphäre, was zur Hölle soll das sein, Lem? Ich habe unseren krebskranken
Vater drei Jahre bis zu seinem Tod gepflegt, rund um die Uhr, Tag und Nacht. Du
hast keine Ahnung, was das bedeutet, Lem! Und anstatt mir zu danken sprach er
immer nur von Jade! Seine liebe, kleine Jade! Der einzige Lichtblick in seinem
Leben, die einzige Tochter, von der er etwas hielt. Ja wo war sie denn? Sie war
nicht da, als er starb! Auf der Polizeiakademie war sie, was Dad bezahlt hat.
Aber für mich war nie Geld da!“ brüllte Melinda unbeherrscht.
„Ich
will trotzdem, dass du gehst!“, sagte Lem heiser. Er hatte keine Ahnung von dem
gehabt, was Melinda ihm gerade erzählt hatte. Und ehrlich gesagt, hatte er
nicht wirklich kapiert, wo der genaue Zusammenhang war. Es musste sich eine
ungeheure Wut und Verzweiflung in Melinda aufgestaut haben, die sich jetzt
unkontrolliert ihren Weg brach.
„Meine
Waffe!“ Melinda streckte fordernd die Hand aus.
„Die
habe ich nicht mehr.“
„Wer
dann?“
„Vic.“
„Gut,
dann hole ich sie mir von ihm!“
Wütend
schmiss Melinda ihre wenigen Habseligkeiten in ihre Reisetasche und zog sich
ihre Schuhe an.
„Melinda...“
Jade versuchte, ihre Schwester aufzuhalten. „Wo willst du denn hin?“
„In ein
Hotel!“ Damit schlug sie krachend die Tür hinter sich zu. Draußen musste sie
erst einmal tief Luft holen um überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu
können.
Plötzlich
hielt ein Wagen vor ihr und die Beifahrertür wurde geöffnet. Als sie Ray
Sheffield am Lenkrad erkannte, stieg sie ohne zu zögern ein.
„Würden
Sie mich in ein Hotel fahren?“ fragte Melinda und wischte sich verstohlen die
Tränen weg, die ihr vor Zorn über die Wangen liefen.
„Was
halten Sie davon, wenn wir erst einmal zu mir fahren?“ schlug Ray vor.
Melinda
nickte. Momentan war ihr alles egal...
*****
„Stimmt
das, was Melinda gesagt hat?“ Lem sah Jade fragend an.
„Was?
Oh, warte, laß mich raten... Sie hat den krebskranken Vater gepflegt, ich war
nie da, ich war die einzige, die Vater geliebt hat?“ zählte Jade auf, während
sie anfing Ordnung im Wohnzimmer zu schaffen.
„Ja, so
in etwa war es das...“ Lem bückte sich nach einer CD, die hüllenlos auf dem
Boden lag.
„Melinda
sieht sich gerne in der Opferrolle...“ Jade seufzte und setzte sich auf die
Couch. „Ja, es stimmt. Ich war auf der Polizeiakademie als Vater krank wurde.
Hätte ich alles hinwerfen sollen, wofür er so hart geschuftet hat? Ob er mich mehr
liebte als sie?“ Jade zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Und wenn ist es
nicht meine Schuld...“
„Sie hat ihn gepflegt...“ Lem
setzte sich neben Jade auf die Couch. Er machte sich nichts daraus, dass er
immer noch klatschnasse Haare hatte und nur ein Badetuch um die Hüften trug.
„Ja... Das hat sie. In der Tat! War eine wunderbare Ausrede, die Schule zu
schmeißen!“
„Sie
behauptet, für sie wäre nie Geld da gewesen...“ Er legte den Arm um Jades
Schultern. Jade schmiegte ihre Wange an seine nackte Brust.
„Das
ist ihre Sicht der Dinge! Vater hat mir die Ausbildung finanziert. Sie hat aber
die Ranch geerbt. Eine Ranch mit 500 Hektar Land... Keine Ahnung, was sie damit
gemacht hat, als sie John heiratete. Ist mir auch egal. Ich bin nicht für
Melindas Leben verantwortlich. Sie ist erwachsen...“ Jade zuckte mit den Schultern. So ganz entsprach es nicht
der Wahrheit. Aber das wusste Lem. Natürlich war Melinda für ihr Leben selber
verantwortlich. Allerdings hatten Jade
und das Strike Team vor sechs Jahren etwas getan, was Melindas Leben
entscheidend verändert hatte. Sie hatten eine Entscheidung getroffen, ohne
Melinda überhaupt die Chance zu geben, ihre eigene Wahl treffen zu können. Doch
davon würde Melinda niemals erfahren dürfen.
„Wer war der Mann mit der Corvette?“ Scheinbar gleichgültig fragte er danach.
„Äh...“
Jade fühlte sich ertappt. „Hast du ihn nicht erkannt? Das war Ray...“
Lem
erstarrte. „Sheffield ist hier? Was will er?“
Jade
wollte das heikle Thema umschiffen. „Curtis, jetzt ist Melinda weg, jetzt
gelten doch wieder unsere Regeln!“ lenkte sie schnell ab.
„Jade,
weich mir nicht aus!“ Lems blaue Augen bohrten sich in Jades smaragdgrüne. „Was
wollte Ray?“
„Mir
mitteilen, dass Larson jetzt rechtskräftig verurteilt ist. Mehr nicht...“
Lem schloß fest die Arme um Jade.
„Ich weiß genau, was er will! Aber... Ich gebe dich nicht her, Jade! Er hat
seine Chance gehabt und er hat es vermasselt!“
„Wie kommst du darauf, dass er es vermasselt hat?“ fragte Jade verwundert.
„Wenn du ihn wirklich geliebt hättest,
wäre es damals anders gelaufen. Du wärest mit ihnen gegangen!“
„Bist du verrückt? Denkst du, ich hätte Lust gehabt, mich ein Leben lang
verstecken zu müssen?“ protestierte Jade. „Und wie kommst du darauf, dass Ray
meinetwegen hier ist?“
Lem hob
die Hand und strich sanft mit dem Daumen über Jades Lippen. „Weil ich an seiner
Stelle nicht anders handeln würde...“ Er sprach den Satz nicht zu Ende. Jade
schloß kurz die Augen, dann hob sie die Lider wieder. Lems Gesicht war ihr so
nah. Sein vertrautes Gesicht, das sie so sehr liebte. Sie stubste mit der Stirn
zärtlich gegen seine Nase, hob dann den Kopf an und sah ihm in die Augen. Ihr
Herz schlug automatisch einige Takte schneller. Sie liebte das Blau seiner
Augen. Jedesmal kam es ihr vor, als würde sie darin versinken wie in einem
großen See, als würde sie in seine Seele eintauchen. „Curtis, du hast recht... Es ist nicht nur wegen mir, aber Ray hat...“ Sie schüttelte
den Kopf. „Ich habe ihm gesagt, ich kann dich nicht verlassen...“ Jade
schmiegte ihre Wange an Lems nackte Brust. „Du bist die Liebe meines Lebens,
Curtis. Und ich habe schon gewählt...“ Jade schloß die Augen und lauschte
seinem Herzschlag. Ja, sie hatte gewählt. Sie hatte John verloren. Sie hatte
Ray verloren. Sie würde Melinda verlieren. Aber die Liebe zu Lem wog diesen
Verlust doppelt und dreifach auf...
*****
„Äh …
Danke!“ Melinda nahm das Glas entgegen, das Ray ihr hinhielt. Sie sah ihn
nachdenklich an, während sie einen Schluck von dem Wein trank. Woher kannte
Jade ihn? „Eigentlich weiß ich gar nichts über Sie, Ray!“
Sheffield
grinste. Diese Frage hatte er schon so oft gehört. Und wie immer beantwortete
er sie so belanglos es möglich war. „Ich bin 1,80m groß, habe schwarze Haare
und braune Augen. Ich fahre eine 65er Corvette Stingray und habe eine Vorliebe
für schwarze Lederjacken. Außerdem stehe ich auf Frauen, die wissen, was sie
wollen!“
Melinda
lachte. Es war nicht das erste Mal, dass ihr so eine ausweichende Antwort
gegeben wurde. Das war das erste, an das sich eine Journalistin gewöhnen
musste.
„Und
Sie?“ Ray sah sie über den Rand seines Weinglases an. Er wusste alles über sie,
einschließlich der Farbe ihrer Lieblingsblumen. Aber das wusste sie ja nicht.
„Sie
würden sich langweilen,“ winkte Melinda ab.
„Das
glaube ich nicht.“
„Also
gut. Ich wurde in der Nähe von Los Angeles geboren. Als ich 14 und Jade 12 war,
starb unsere Mutter bei einem Reitunfall....“
„Jade
ist das Nesthäckchen?“ lachte Ray. Sicher, er wusste wie alt Jade war, er
wusste wie alt Melinda war, aber dennoch wurde ihm jetzt erst wirklich bewußt,
dass Jade die kleine Schwester war.
„Ja,
kaum zu glauben, oder? Sie ist immer so vernünftig...“
„Ganz im Gegensatz zu Ihnen?“
neckte Ray.
Melinda zuckte die Schultern. „Na ja... Jedenfalls...“ fuhr sie fort, „ Ein
paar Jahre später erkrankte Vater unheilbar an Krebs. Jade war 17 und hatte
gerade mit der Polizeischule begonnen. Ich schmiss mein Studium, kümmerte mich
tagsüber um die Ranch
und in jeder freien Minute und nachts um unseren Vater, bis zu seinem Tod.
Danach hielt ich es dort einfach nicht mehr aus. Ich ließ die Ranch verwalten,
zog nach L. A. und begann wieder zu studieren. Durch Jade lernte ich John
kennen. Wir heirateten, aber schon ein Jahr später wurde er im Dienst
erschossen.“
„Und
seitdem leben Sie allein in einem Appartement in der Stadt der Engel!“
„Jedenfalls
war es so bis vor ein paar Wochen.“
„Gibt
es keinen Mann in ihrem Leben, der Sie zum Lachen bringt?“
„Nein, John war die große Liebe meines
Lebens.“ Ein Schatten legte sich über Melindas Gesicht.
„Er
starb vor sechs Jahren... Eine lange Zeit der Trauer!“ sagte Ray leise.
„Das
wirft mir Jade auch immer vor. Sie hat...“ Tränen stiegen ihr in die Augen.
„Sie hat nie um John getrauert. Als wäre er nicht tot sondern nur mal eben
Zigaretten holen. Dabei waren sie Partner... Sie... Sie hat einfach
weitergemacht. Wechselte ins Strike Team und hat nie wieder ein Wort über John
gesagt. Sie hat mich mit der Trauer alleine gelassen...“
„Hat
sie das wirklich?“ Ray trank sein Glas leer. Er kannte die Wahrheit. Er wusste,
dass es damals völlig anders gewesen war. Aber er wollte es Melinda nicht
sagen. Noch nicht...
„Danke,
dass Sie mir zuhören, Ray!“ Melinda lächelte Ray an. Der Alkohol stieg ihr zu
Kopf und plötzlich fühlte sie eine unstillbare Sehnsucht in sich. Verlangen
danach, in die Arme genommen zu werden, gehalten zu werden, geliebt zu werden.
„Ray... Sind Sie verheiratet?“ fragte sie und rutschte ein Stück näher an ihn
heran.
„Nein...
Ich...“ Für einen kurzen Moment dachte er an Jade. Sah wieder ihr Gesicht vor
sich, als er ihr den Ring gab und ihr die Frage stellte, die er so lange nicht
zu fragen gewagt hatte. Und spürte wieder die tiefe Enttäuschung, als sie ihm
den Ring zurück gab und den Kopf schüttelte. „Ich werde niemals heiraten...“
Ray erhob sich abrupt von der Couch. „Es ist spät... Wie wäre es, wenn Sie
heute Nacht hier bleiben? Ich werde auf der Couch schlafen!“ Melinda sah ihn
ein wenig ernüchert an. „Ja... In Ordnung...“ Sie erhob sich und ging ins Bad.
Als sie wiederkam, hatte er ihr schon sein Bett zurecht gemacht. Auf der Couch
lagen Kissen und Decke für ihn. „Ja.. äh.. Gute Nacht...“ hastig schloß Melinda
die Schlafzimmertür hinter sich. Sie wusste nicht, ob sie erleichert oder
enttäuscht sein sollte, dass Ray nicht auf ihre Annäherungsversuche einegangen
war...
Es war
mitten in der Nacht, als Melinda
aufwachte. Im Zimmer war es stockdunkel. Sie konnte nicht mal die Hand vor
Augen sehen. Aber sie spürte, dass noch jemand im Zimmer war. Ruckartig setzte
sie sich auf und sah sich suchend um. Was völlig zwecklos war. Sie tastete nach
dem Schalter für die Nachttischlampe, doch die Birne war kaputt. Es blieb
dunkel. „Wer ist da? Ray?“ fragte sie leise in die Dunkelheit.
„Schschsch...“
hörte sie und jemand setzte sich neben sie auf die Bettkante. Der Duft eines
After Shaves schwängerte die Luft. Ein Duft den sie kannte. Melinda schloß die
Augen. Ray - es konnte ja nur Ray sein - benutzte das gleiche After Shave, das
John immer getragen hatte. Plötzlich konnte sich Melinda nicht mehr
zurückhalten. Sie schlang die Arme um den Hals des Mannes und zog ihn dicht zu
sich heran. Er roch nicht nur wie John, er fühlte sich auch so an! Melinda war
völlig in ihren Erinnerungen an John gefangen und stöhnte auf, als der Mann
ihren Hals küsste, seine Lippen forschend und gierig über ihren Körper
wanderten. Wie im Rausch überließ sich Melinda den fremden Händen, die ihr so
erschreckend vertraut vorkamen. Sie stöhnte auf, als Rays Hand in ihren Slip
glitt und sich seine Finger in ihre feuchte Höhle bohrten. Sie bäumte sich ihm
entgegen, während ihre Hände seinen Körper erforschten. Erfreut stellte sie
fest, dass er nackt war. Gierig zog sie ihn über sich, spreizte die Beine,
öffnete sich ihm. Dieser Einladung folgte er nur zu gerne. Melinda schrie leise
auf, als er in sie eindrang.Wie sehr hatte sie dieses Gefühl vermisst! Langsam
und gleichmäßig stieß er in sie. Melinda schloß die Augen und gab sich ganz dem
Ansturm ihrer Gefühle hin. Ihr Verstand sagte ihr, es war Ray der auf ihr lag,
den sie in sich fühlte, dennoch... Ihre Gedanken waren bei John. In ihrem Traum
war es John, der sie liebte und der sich laut stöhnend in ihr ergoß...
*****
„Und?“
Ray sah den Mann fragend an, der aus seinem Schlafzimmer kam.
„Ich
habe es nie in Frage gestellt! Das weißt du doch. Ich liebe sie, Ray!“
„Okay...“
Ray nickte. „Okay... Ich werde mit Jade sprechen... Es wird nicht mehr lange
dauern, mein Freund!“ Er klopfe dem Mann auf die Schulter und sah zu, wie er
sich hastig anzog. Dann öffnete er ihm die Haustür. Genauso leise wie er es
betreten hatte, verließ er das Haus auch wieder...
*****
Als
Melinda am Morgen erwachte, war das Bett neben ihr leer. Sie drehte sich auf
den Rücken und starrte an die Decke. Hatte sie das gestern Nacht alles nur
geträumt? Oder war es wirklich passiert? Ihre Hand glitt über ihre nackte Haut
bis in den Schritt. Und da spürte sie etwas klebriges zwischen ihren Schenkeln.
Sie hatte nicht geträumt... Nun war Melinda noch verwirrter. Warum schlief Ray
mit ihr, verzog sich aber danach wieder auf die Couch? Sie warf einen Blick auf die Uhr. Kurz nach
acht. „Scheiße!“
Hastig
sprang sie aus dem Bett und eilte ins Wohnzimmer. Ray war nicht da. Melinda
überlegte kurz, was sie tun sollte. Der gestrige Streit mit Lem war heftig
gewesen, dennoch, sie wollte und sie musste ihre Story zu Ende schreiben!
Melinda ging kurz duschen und machte sich dann einen Kaffee. Anschließend zog
sie sich an und rief sich ein Taxi. Auf der Suche nach einem Zettel und einem
Stift um Ray eine Nachricht zu hinterlassen, stieß sie auf eine Akte. Es war
die Kopie einer Gerichtsakte. John Cartwrights Akte. Sie
starrte die Akte entgeistert an. Wie kam Ray an diese Akte? Und warum hatte er
sie so plaziert, dass sie die Akte unweigerlich finden musste? Mit zitternden
Händen ließ sie sich auf das Sofa sinken und schlug den Deckel auf. Sie musste
die Akte zweimal durchlesen, ehe sie begriff, was damals wirklich passiert war.
Melinda traten Tränen in die Augen. Sie schlug die Akte zu und schlang die Arme
um ihre Brust. Sie fror. „Jade...“ Melinda war kaum in der Lage, den Namen
ihrer Schwester auszusprechen. Wie hatte Jade ihr das antun können? Jade hatte
John erschossen, Vic, Lem, Ronnie und Shane waren Augenzeugen gewesen... Sie
hatte es eben gerade schwarz auf weiß gelesen. Und keiner hatte auch nur ein
Wort darüber gesagt...
Etwa
eine Stunde später betrat Melinda den Clubraum des Strike Teams. „Hallo, jemand
da?“ rief sie vorsorglich. Keine Antwort.
Sie
warf noch einmal einen Blick über ihren Rücken, aber anscheinend waren wirklich
alle ausgeflogen. So leise wie möglich ging sie zu Vics Schreibtisch und zog
nacheinander alle Schubladen auf. Und in der untersten fand sie, was sie
gesucht hatte: Johns Waffe.
„Was
machst du hier?“
Erschrocken
fuhr Melinda herum, als sie Vics Stimme in ihrem Rücken hörte.
Als
Mackey erkannte, dass Melinda in seinem Schreibtisch herumgewühlt hatte, war er
mit einigen großen Schritten bei ihr und riss ihr die Waffe aus der Hand.
„Was
hat das Strike Team mit Johns Tod zu tun?“ herrschte Melinda ihn an. Sie wollte
es nicht wahrhaben, aber sie hatte es doch gelesen! In einer offiziellen
Anhörungsakte!
Vic
ließ sich nicht anmerken, dass er über die Frage überrascht war. Es hatte eines
Tages passieren müssen. Warum Melinda ausgerechnet jetzt dazu kam, ihm diese
Frage zu stellen, spielte im Grunde keine Rolle. Sechs Jahre hatten sie es
geheim halten können... „Kommt darauf an, welche Version du hören willst...“
Mackey sah ihr fest in die Augen.
„Die
Wahrheit...“
„Und
wenn dir die Wahrheit nicht schmecken wird?“ warnte Vic.
„Ich
muß es wissen!“
„Warum
fragst du nicht Jade?“
„Weil
ich mir nicht sicher bin, ob ich die Wahrheit aus ihrem Munde hören will...
Bitte Mackey...“ flehte Melinda.
Mackey
nickte, dann schloß er die Tür vom Clubhaus. „Okay...“ Er überlegte kurz. Alle
Einzelheiten konnte und würde er ihr nicht erzählen. „Die Kurzversion...“ Er
setzte sich. „Wir hatten einen Einsatz. Ronnie, Lem, Shane und ich nahmen einen
Drogendealer hoch. Es gab Probleme. Nachbarn hörten die Schüsse und Verstärkung
kam. Dein Mann und Jade stürmten das Haus. Es war ein heilloses durcheinander.
Plötzlich zielte John auf Lem. Doch ehe er abdrücken konnte, kam Jade ihm
zuvor. Sie erschoß John... Na ja, den Rest kennst du...“
„Jade hat ihn erschossen?“ schrie
Melinda auf. Obwohl sie es in der Akte gelesen hatte, es zu hören schmerzte
noch viel mehr.
„Ja, und du wirst deine Schnauze halten!“ Mackey sah sie warnend an. „Es war
ein Dienstunfall. Die Innenrevision hat Jade nach Anhörung der Zeugen
entlastet...“
„Aber
ihr wart doch die Zeugen! Ihr habt zu ihren Gunsten ausgesagt!“ Melinda starrte
Vic ungläubig an. Wie hatte Jade ihr das antun können? Wie hatte Jade sie die
ganzen Jahre so belügen können?
„Melinda...“
Vics Stimme klang eisig. „Laß es ruhen! Es ist sechs Jahre her! Falls du es jetzt
an die große Glocke hängen willst, vergiss es! Jade und Lem würden sofort
heiraten. Lem könnte dann nicht gezwungen werden, gegen sie auszusagen. Und
außerdem... Jade ist eine von uns! Und wer uns angreift, stirbt!“
Melinda
lief es eiskalt den Rücken runter. John war nicht gestorben, weil Jade zu
schnell geschossen hatte! Sie hatte Lem schützen wollen. Und das Strike Team!
Sie hatte ihre Familie schützen wollen. Ihre Familie die aus Lem, Ronny, Shane
und Vic bestand!!!! Sie hätte es damals schon wissen müssen! Jade hatte damals
einen Freund, den sie immer vor ihr und John geheim hielt. Doch jetzt wurde
Melinda einiges klar. Es muß Lem gewesen sein... Ja, Lem war der geheimnisvolle
Liebhaber gewesen... Lem war ihr wichtiger gewesen, als John... Wichtiger als
ihr Partner und Schwager...
Die
Hintertür ging auf und der Rest vom Strike Team trudelte ein. Melinda starrte
Jade aus tränenverschleierten Augen an. „Du HURRREEEE! Du MÖÖÖRDERINNN!“ schrie
sie Jade an, dann rannte sie zur Tür raus...
„Uppps...
Jetzt hat sie es wohl rausbekommen....“ bemerkte Shane trocken.
„Eines
Tages musste es soweit kommen...“ gab Jade zurück.
„Ich
frage mich nur, wie sie reagiert, wenn sie die tatsächliche Wahrheit
erfährt...“ sagte Vic leise.
„Niemand
außer uns weiß, dass John noch lebt! Und keiner von uns wird ihn verraten!“
sagte Shane gleichgültig und warf sich auf die Couch. Jade seufzte. Melinda tat
ihr unendlich leid. Lem legte den Arm um Jade. „Was wirst du wegen Melinda
tun?“
„Es ihr
sagen. Deswegen ist Ray doch gekommen...“
„Ray
Sheffield? Ist er in Los Angeles?“ fragte Vic sofort. „Was will er?“ Vic trat
auf Jade zu. Sein Blick bohrte sich in ihre Augen. Hilfesuchend sah Jade zu
Lem, doch der verschränkte die Arme vor der Brust. Er erwartete genauso eine
Antwort wie Vic.
„Er...
Ich habe mich noch nicht lange mit ihm unterhalten können... Er...“ druckste
Jade herum.
„JADE!“ knurrte Lem.
„Larson
ist rechtskräftig verurteilt. Er will Melinda mit sich nehmen...“
Die
Männer sahen sie betroffen an. „Warum? Ich meine... Will John sie wiederhaben?“
fragte Shane verblüfft.
„Ich
weiß es nicht. Woher soll ich das wissen? Ray stand plötzlich vor der Tür und
hat gesagt, ich bin ihm noch einen Gefallen schuldig und...“ Jade biß sich auf
die Lippen.
Lem
wurde flau im Magen. Hatte sie es sich anders überlegt? Er wusste, dass Jade
und Ray eine heimliche Beziehung hatten, bevor das mit John passierte. Und das
Jade lange gebraucht hatte, um darüber hinweg zu kommen. Lem hatte sich lange
bemühen müssen, bis sie ihm ein Date gewährte. Und noch länger hatte sie ihn
zappeln lassen, bis mehr passierte... Jade legte beruhigend die Hand auf Lems
Unterarm. „Was ich dir gestern gesagt habe, gilt heute genauso, wie es auch in
zwanzig Jahren noch gelten wird! Ich werde dich nicht verlassen, Curtis!“ Jade
sah ihm fest in die Augen. „Und was Melinda angeht... Ich werde wohl mal eine
Beichtstunde einlegen müssen.“
„Warte damit, bis wir John
gefunden haben!“ Vic rieb sich nachdenklich über die Stirn. Wenn Sheffield hier
wieder aufgetaucht ist... Ich sag euch was: John ist in L.A.! Ich schwöre es
euch!“
„Gute Idee! Soll er ihr sagen,
warum wir damals so gehandelt haben! Warum sollst du die Kastanien für ihn aus
dem Feuer holen!“! stimmte Shane ihm zu.
„Weil ich ihre Schwester bin? Weil
ich sie sechs Jahre lang angelogen habe? Weil ich sechs Jahre lang zugelassen
habe, dass sie sich die Augen ausheult, obwohl John putzmunter ist?“
„Nein, Liebling! Weil John ihr
Mann ist und mindestens genauso viel Verantwortung trägt wie du!“ stellte sich
Lem auf die Seite von Vic und Shane.
„Kannst du Sheffield erreichen?“ fragte Vic. Lem tat so, als würde ihn
die Antwort nicht interessieren. Allerdings leuchteten seine Ohrläppchen
hellrot. Er wusste, es war Unsinn und dennoch... Eine heiße Flamme der
Eifersucht köchelte in ihm.
„Nein... Ich habe keine Handynummer, keine Adresse... Wir könnten eine Fahndung nach seiner Corvette rausgeben, die gibt es nicht mehr so oft, allerdings kann es Tage dauern, bis wir eine Meldung reinkriegen...“
„Er wird dich doch wieder kontaktieren. Warten wir einfach...“ Shane zuckte mit den Schultern. „Das wird wohl die einzige Möglichkeit sein...“ seufzte Jade. „Ich muß trotzdem mit Melinda reden...“ Sie zog das Handy aus der Hosentasche und wählte Melindas Handynummer. Sie bekam ein Freizeichen, doch Melinda hörte das Klingeln nicht oder sie ignorierte den Anruf schlichtweg. Jade wartete auf die Mailbox. „Melinda... Ich... Es tut mir leid. Wir müssen miteinander sprechen. Bitte ruf mich zurück. Es ist wichtig!“ Sie klappte das Handy zu und steckte es zurück in ihre Hosentasche. „Und nun?“ fragend sah sie in die Runde.
„Werden wir mal anfangen zu arbeiten!“ schlug Vic vor.
******
Melinda
wusste nicht, wo sie hingehen sollte. Sie musste mit jemandem sprechen. Der
erste der ihr einfiel war Ray. Sie fuhr zu seinem Appartement. Die Corvette
stand nicht vor der Tür, aber das musste ja nicht heißen, dass er nicht zu
Hause war. Melinda eilte die zwei Treppenabsätze zu seiner Wohnung hoch und
klingelte. Es dauerte einen Moment, dann wurde die Tür geöffnet. Eine junge
Mexikanerin sah sie an. „Ja?“
„Hallo,
ich bin Melinda... Ich möchte zu Ray!“
„Ray?“
„Ray Sheffield! Das hier ist seine Wohnung!“ Die Mexikanerin war wohl ein
wenig schwer von Begriff!
„Tut
mir leid, Miss, Sie müssen sich irren. Ich kenne keinen Ray Sheffield!“
„Unsinn!“
Melinda schob sich an der Mexikanerin vorbei. „Ich bin heute morgen in dieser
Wohnung aufgewacht!“ Sie sah sich um. Das waren Rays Möbel, sie war in der
richtigen Wohnung. Ihr Blick fiel auf einen Reisekoffer.
„Es tut
mir leid, aber das kann nicht sein. Dies ist meine Wohnung. Und ich bin gegenb
Mittag erst aus San Diego zurück gekommen, ich war im Urlaub...“
Wie vor
den Kopf geschlagen sah Melinda die Frau an, dann stürmte sie zur Haustür. Das
Schild mit dem Namen Sheffield war fort. „M.Gonzales“ stand neben dem
Klingelknopf.
„Was geht hier vor?“ flüsterte Melinda. Wie konnte innerhalb so kurzer Zeit ihre Welt so aus den Fugen geraten? Wieder einmal! Doch jetzt war es fast schlimmer als vor sechs Jahren. Damals hatte sie John verloren. Aber sie war nicht ganz alleine gewesen. Sie hatte Jade gehabt. Jade... Die Mörderin ihres Mannes... Wenn nicht ihr, wem konnte sie überhaupt noch vertrauen????
*****
Es war schon dunkel, als Jade und Lem vom Dienst nach Hause kamen. Jades Hoffnung, Melinda würde zu Hause sein, zerschlug sich. Das Haus war dunkel und leer. Jade schloß die Haustür auf, stieß die Tür auf und knipste das Licht an. Lem schob sich an ihr vorbei in die Küche und stellte dort die schweren Einkaufstüten ab. „Wie groß ist dein Hunger?“ fragte Jade, während sie anfing, die Tüten auszupacken und die gekauften Lebensmittel im Kühlschrank zu verstauen.
„Kommt darauf an...“
Jade sah über ihre Schulter. Lem grinste breit. Verlegen rieb er sich die Oberarme. Jade gab das Lächeln zurück.
„Hey, wir sind wieder alleine! Wir brauchen keine Rücksicht mehr nehmen!“ verteidigte er sich.
„Hab ich was gesagt?“ Jade legte die Tomaten in den Kühlschrank, schloß ihn und ging dann auf Lem zu. „Du bist also hungrig?“
„Hmmm...“
Sie blieb dicht vor ihm stehen, hob den Kopf und sah ihm in die Augen. Als er ihren Blick erwiderte, zog sich ihr Herz zusammen. „Curtis...“ Aus unerfindlichen Gründen hatte sie plötzlich einen Kloß im Hals. „Ich liebe dich!“ Sie musste es ihm sagen.
„Und ich liebe dich!“ Er neigte den Kopf und küsste sanft ihre Nasenspitze. „Ich liebe deine Stubsnase!“ raunte er. Seine Hände legten sich auf ihre Hüften. „Jade... Als Ray auftauchte... Hast du es bereut?“
„Dass ich nicht mit ihm gegangen bin? Dass ich bei dir geblieben bin?“
Lem nickte. Jade legte ihre Hand
auf Lems Wange. „Du bist der warmherzigste, liebevollste, rücksichtsvollste,
zärtlichste Mann, dem ich jemals begegnet bin.“ Sanft glitten ihre Finger über
die Konturen seines Gesichtes. Sie sah ihm tief in die Augen. Sein Atem
beschleunigte sich, als er tief in dem smaragdgrün ihrer Augen versank. Er war
von ihren Augen so gefesselt, dass er die Antwort auf die er wartete, fast
überhörte: „Keine Sekunde, Curtis...“
„Jade,“
Lem stockte einen Moment, doch dann fasste er sich ein Herz. „Würdest du mir
einen Wunsch erfüllen?“
„Jeden!“
Jade grinste. Sie rechnete damit, dass er eine neue Variante im Bett
ausprobieren wollte, doch als Lem weitersprach, entgleisten ihre Gesichtszüge.
„Heirate
mich!“ bat er.
Verdattert
sah sie ihn an. Sie brachte das Wort nicht mal über die Lippen.
„Ich
meine es ernst, Jade. Ich wünsche mir, dass du mich heiratest. Richtig mit
Kirche, Trauzeugen, Ring und allem drum und dran!“
Jade
schluckte. Es war nicht das erste Mal, dass ein Mann um ihre Hand anhielt.
Damals war es Ray gewesen, der vor ihr kniete und ihr einen Diamantring hatte
anstecken wollen. Damals hatte sie ein dumpfes Gefühl im Bauch gespürt. Ein
dunkles Pochen, das ihr davon abriet ja zu sagen. Sie hatte auf ihren Bauch
gehört und abgelehnt. Wieder meldete sich Jades Bauchgefühl. Doch diesmal war
es ein warmes Ziehen, das sich zu einem heißen Verlangen steigerte. Ihr Herz
schien förmlich vor Glück zu glühen als sie sagte: „Ja, Curtis! Ja, ich werde
deine Frau...“
Lems Gesicht
strahlte vor Freude. Er war noch nie in seinem Leben so glücklich gewesen...
„Glückwunsch...“
Die Stimme ließ Lem und Jade auseinanderfahren.
„Ihr
braucht eine Alarmanlage!“ Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit des
Wohnzimmers. Jade blinzelte, dann erkannte sie den Mann. „John!“ Sie lief auf
ihren Schwager zu und umarmte ihn. Er schloß
fest die Arme um Jade. „Ich habe dich vermisst, Jade!“ murmelte er. Als sich
Jade von ihm löste, gab er Lem die Hand. „Wie ich sehe, hast du dich
vorbildlich um meine Schwägerin gekümmert!“
„So wie
du es mir aufgetragen hast!“ grinste Lem und klopfte John auf die
Schulter.
„Wie
was?“ fragte Jade und sah erstaunt von John zu Lem.
„Ach
Jade, denkst du, ich hätte nicht für alles gesorgt?“ John grinste breit. „Mir
war immer klar, dass Lem der Richtige für dich ist. Zum Glück hast du es
mittlerweile auch kapiert! Allerdings hatte ich damit gerechnet, dass hier
schon lange ein paar kleine Lemanskys rumwuseln!“
„So,
so, du meinst also, du hättest uns verkuppelt?“ fragte Jade gönnerhaft.
„Na
klar!“ John sah sich um. „Wie ich sehe, hat meine Frau bei euch gehaust!“ Jade
hatte zwar aufgeräumt, aber Melindas komplettes Chaos hatte sie noch nicht
beseitigen können.
„Ja...
Aber ich habe keine Ahnung, wo sie ist. Sie hat die alte Akte gelesen und hält
mich für deine Mörderin.“
„Mach
dir darum keinen Kopf. Sie wird bald hier auftauchen. Und bis dahin... Habt ihr
ein Bier?“
*****
Melinda
saß bis zum Einbruch der Dunkelheit am Strand und grübelte vor sich hin. Ihr
Leben war kein Scherbenhaufen, es war eine Ruine! Sie hatte keine Wohnung mehr,
Ray war auch verschwunden, sie war völlig alleine... Wo sollte sie nur hin?
Sicher, sie konnte in ein Hotel gehen, doch dafür fehlte ihr die Ruhe. Sie
musste mit Jade reden. Jade sollte ihr haarklein erzählen, was vor sechs Jahren
passiert war. Sie sollte ihr Rede und Antwort stehen, warum Lem wichtiger
gewesen war als John! Warum Jade hatte entscheiden können, ihr John zu nehmen!
Als Melinda wieder genug Wut im Bauch hatte, rappelte sie sich auf, setzte sich
in ihren Wagen und fuhr zu Jade. Ohne anzuklopfen stürmte Melinda ins Haus.
Jade sah sie überrascht an. Sie saß alleine auf der Couch.
„Melinda...“
„WARUM????
WARUM hast du John erschossen?“ schrie Melinda, Tränen rannen ihr über die
Wangen.
„Ich
habe John nicht erschossen.“ Jade war die Ruhe selber.
„Hör
endlich auf mit deinen Lügen! Du hast mich sechs Jahre lang belogen! Ich habe
es doch gelesen! Ich war bei Ray und da lag die Akte und Vic... Vic hat es mir
doch auch erzählt!“
Jade
stand von der Couch auf. „Melinda, was du dort in der Akte gelesen hast und was
Vic dir erzählte, das ist die offizielle Version. Du hast jetzt die Wahl:
Willst du daran glauben oder willst du hören, was wirklich passiert ist?“
„Warum
sollte ich dir noch ein Sterbenswörtchen glauben? Du sagst, du hast John nicht
getötet! Wie willst du mir beweisen, dass du nicht lügst?“ fauchte Melinda.
Jade
wies mit dem Kinn zur Küchentür. „Dreh dich um!“
Melinda
folgte ihrer Aufforderung und erbleichte. „John...“ hauchte sie, dann fiel sie
ohnmächtig zu Boden.
Als
Melinda wieder zu sich kam, rieb sie sich über die geschlossenen Augen. „Ich
dachte, ich hätte John gesehen...“ ächzte sie und schlug die Lider auf.
„Hallo
Melinda...“ John lächelte sie an. Ihr Kopf lag in seinem Schoß, sanft
streichelte er ihre Wange.
„John...“
Ruckartig setzte sich Melinda auf. Jade und Lem saßen gegenüber im Sessel.
„Wie... Was...?“ Sie starrte John an. „Bist du es wirklich?“ Statt zu antworten
zog John sie in seine Arme. Sein Duft umfing sie, Melinda fing an zu weinen.
„John... Du lebst...“
„Es tut
mir leid, Melinda, es tut mir so leid...“
*****
„John
hat also undercover im Strike Team gearbeitet?“ Melinda konnte es immer noch
nicht fassen. John lebte!
John
war mit Lem in der Küche und bereitete etwas zu essen zu. Jade saß neben ihr
auf der Couch. „Ja, sein Auftrag war streng geheim. John ist beim FBI. Wir
durften es dir nicht sagen. Er sollte den hiesigen Drogenboß dingfest machen.
Er hat es geschafft, doch es gab Morddrohungen gegen ihn und auch gegen dich.
Also beschloss das FBI, dass John mit einer neuen Identität untertauchen
sollte, bis der Gerichtsprozeß vorbei ist. Dass es sich sechs Jahre in die
Länge zieht, konnte ja keiner ahnen...“
„Und
warum wurde ich nicht mit ins Programm aufgenommen?“ fragte Melinda.
„John
wollte dich mitnehmen. Aber das FBI hat es verboten. Wie gesagt, damals
rechneten wir mit maximal 6 Monaten... Na ja und dann fand das FBI, John ist
eine ungenutzte Ressource. Er hat in den letzten Jahren viele verdeckte
Einsätze übernommen. Und vor 8 Wochen fiel das Urteil gegen Larson...“
„Und
dieser Ray?“
„Ray...
Ray war der Verbindungsmann... Er tauchte in meinem Leben auf und... Na ja...“
Jade zuckte die Schultern.
„Dann
war Ray dieser geheimnisvolle Liebhaber damals?“ mutmaßte Melinda.
„Ja...
Ich... Damals hielt ich ihn für meine große Liebe...“ gab Jade zu.
„Und
warum bist du nicht mit ihm gegangen?“
„Er hat
mich darum gebeten. Aber ich wollte dich nicht alleine lassen. Ich...“
„Dann
hast du dich wegen mir von ihm getrennt?“ Melinda schluckte. Und sie hatte Jade
jahrelang Selbstsüchtigkeit unterstellt.
„Das
spielt keine Rolle mehr...“ Jade schüttelte den Gedanken an Ray ab. „Laß uns in
die Küche gehen!“ Sie stand von der Couch auf und ging in die Küche. Lem sah
auf und lächelte sie sofort an. Jade gab das Lächeln zurück. Nein, es spielte
keine Rolle mehr. Die Liebe ihres Lebens stand vor ihr und bald würde sie ihm
das Ja-Wort geben...
*****
Ray saß
in seiner schwarzen Corvette und beobachtete die vier Personen, die in der
Küche zusammen saßen, aßen und sich unterhielten. Er konnte Jade sehen, ihre
Haare leuchteten im Licht der Küchenlampe. Sie lachte Lem an, für einen Moment
meinte er Jades perlendes Lachen sogar zu hören. Sie sah so glücklich aus...
Ray startete
den Motor seiner Corvette und fuhr langsam die Straße hinunter Richtung
Highway. Sie war ihm keinen Gefallen mehr schuldig. Sie war glücklich. Damit
war ihre Schuld beglichen...
The
End!!!