Im Mantel der Dunkelheit

 

written by Bodieslady  and Shane (04/2007)

 

 

Los Angeles, die Stadt der Engel. Im Westen und Süden grenzte die Stadt an die Bucht von Santa Monica. Auf der anderen Seite des großen Tales war sie von hohen Gebirgsketten umgeben. Aber an diesem Tag war das Gebirge nicht zu sehen. Los Angeles war ein Moloch von 3,8 Millionen Einwohnern und mindestens ebenso vielen Autos. Smog lag tagtäglich über der Stadt und nahm jede Chance, einen Blick auf die schneebedeckten Berge erhaschen zu können. Doch das interessierte den Fahrer der schwarzen 65er Corvette Stingray nicht. Er hatte keinen Blick für seine Umgebung. Seine Gedanken waren nur bei der Frau, die ihm noch einen Gefallen schuldete, den er jetzt einfordern würde. Er parkte seinen Wagen vor einem Bungalow in einem der preiswerteren Stadtteile. Ein schmaler Rasen überbrückte die Entfernung vom Bürgersteig zur Haustür, die man über drei Stufen erreichte. Ein Gartenzaun fehlte völlig. Ein schwarzer Jeep stand in der Auffahrt. Es war nicht mehr das neueste Modell. Die Bewohnerin des Hauses schwamm nicht in Geld. Wie auch, sie war ein Cop... Der Mann schaltete den Motor seines Wagens ab, stieg aus und ging zur Haustür. Kurz nachdem er geklingelt hatte hörte er Schritte und die Tür wurde einen Spalt breit geöffnet.

„Ja?“ Jade sah den Mann mißtrauisch an. Er trug eine tiefschwarze Sonnenbrille, die ihr jegliche Chance nahm, seine Augen sehen zu können. Sein schwarzes Hemd, das schwarze Sakko und die schwarze Jeans waren eindeutig zu warm für diese Hitze. Dennoch stand auf seiner Stirn nicht die kleinste Schweißperle. Auch die schwarzen Haare lagen ordentlich, als hätte er sie gerade erst gekämmt.

„Hallo Jade...“ Er hätte sie überall wiedererkannt. Auch wenn es schon sechs Jahre her war, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Er nahm seine Sonnenbrille ab und steckte sie in seine Jackentasche. „Ich bin hier um meinen Gefallen einzufordern,“ sagte er und lächelte. Eine eisige Hand legte sich um Jades Herz. „Ray?“ fragte sie unsicher, als wolle sie ihren eigenen Augen nicht trauen. Er nickte kaum merklich. Ihr Anblick ließ sofort wieder die ganzen Erinnerungen aufleben. Ihre korallenroten Locken, die ihr mittlerweile bis zu den Hüften fielen und ihre smaragdgrünen Augen hatte er nie vergessen können. Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht. Sie stieß die Tür ganz auf und umarmte ihn. „Ray... Ich dachte, ich würde dich niemals wieder sehen! Komm rein!“ Sie löste sich von ihm und zog ihn über die Schwelle, dann schloss sie die Haustür wieder. Für einen kleinen Moment lehnte sich Jade haltsuchend gegen die Tür. Rays plötzliches Auftauchen war ein Schock... Jade wusste nicht, ob sie sich darüber freuen sollte.

„Wie geht es dir?“ Ray sah sich im Wohnzimmer um. Auf der Couch lag eine zerknüllte Wolldecke, ein Kissen, Damenslips, Strumpfhosen, Jeans. Mehrere Paar Schuhe waren über den Teppich verteilt. Der Rest der Wohnung war blitzblank... Die Unordnung auf der Couch passte so gar nicht zu ihr. Jade bemerkte seinen Blick. „Meine Schwester wohnt vorübergehend bei uns. Ihre Bude ist abgefackelt...“ Jade wusste nicht recht, wie sie reagieren sollte. Sie hatte sich noch nicht von dem Schock erholt, Ray wiederzusehen. Ray nickte kaum merklich und sah sich weiter um. Uns... Sie lebte also nicht mehr alleine... Ein Foto auf dem Fernseher stach ihm ins Auge. Jade umarmte darauf einen blonden, muskulösen Mann mit stahlblauen Augen. Beide lachten glücklich in die Kamera. Jade folgte seinem Blick. „Du erinnerst dich an Curtis? Wir sind jetzt zusammen...“ erklärte Jade. „Möchtest du etwas trinken?“ Jade wollte von dem Foto ablenken. „Gerne...“ Ray sah immer noch das Foto an. Ja, er erinnerte sich an Lemansky, den alle nur Lemonhead oder Lem riefen. Jade und Curtis waren also ein Paar... Ray biß die Zähne zusammen. Er hätte nicht kommen sollen. Wunden, die er längst verheilt glaubte, klafften wieder auf.

„Komm, wir gehen in die Küche!“ Jade verzog bei dem Anblick des unordentlichen Sofas genervt das Gesicht. Ray folgte ihr in die Küche und setzte sich an den Eßtisch, während Jade ein Glas mit Mineralwasser füllte. Sie stellte es vor ihn auf den Tisch, dann nahm sie ihm gegenüber Platz. Jade lächelte unsicher. „Also ist heute der Tag gekommen, an dem ich meine Schulden begleichen muß...“ Jade musterte Ray. Er hatte sich nicht verändert. Die Zeit mit ihm... Sie hatte sie mit aller Macht aus ihrem Bewußtsein verdrängt. Zu schmerzlich waren die Ereignisse damals gewesen. Für alle Beteiligten. Jade schob die Erinnerung, die sich eben gerade in ihr Bewußtsein geschoben hatte, zur Seite. „Was soll ich für dich tun?“ Es war besser, sich abzulenken. Über Ray oder ihre damalige Zeit nachzudenken würde nur Schmerzen verursachen. Jade wusste, weshalb Ray kam. Doch so lange er es nicht ausgesprochen hatte, konnte Jade hoffen, dass sie sich irrte. Ray trank einen Schluck Wasser. Er wollte Jade Zeit geben, sein Auftauchen zu verdauen. Und er wollte sich nicht eingestehen, dass er selber ein wenig Zeit brauchte. Schon während der Fahrt von Boston nach Los Angeles hatte er sich auf den Moment vorbereitet, wenn Jade wieder vor ihm stehen würde, doch trotzdem hatte es ihn kalt erwischt. Er hätte wirklich nicht kommen sollen! Er hätte nicht dem Drängen seines Freundes nachgeben dürfen... Er hätte die Vergangenheit einfach ruhen lassen und die Dinge so weiter laufen lassen sollen. „Jade...“ Ihren Namen auszusprechen war Himmel und Hölle zur gleichen Zeit. „Jade, ich...“ Weiter kam er nicht.   

„Ich bin zu Hause!“ Die Haustür fiel krachend ins Schloss. „Jemand da? Jade? Lem? Falls ihr gerade poppt, ich komme jetzt rein!“ ließ sich eine weibliche Stimme vernehmen.

„Ich töte sie! Eines Tages töte ich sie!“ stöhnte Jade. „Ich bin in der Küche!“ fauchte sie dann genervt. Keine zwei Sekunden später stand sie in der Tür. Bei ihrem Anblick ließ Ray das Glas sinken. Sie war in etwa so groß wie er, hatte schulterlange, blonde Haare und hellblaue Augen. Sie trug eine enge, schwarze Jeans und ein weißes Tanktop. Die Fotos die er von ihr gesehen hatte, wurden ihrer nicht gerecht.

„Oh, entschuldige Jade, ich wusste nicht, dass du Besuch hast,“ sagte die Frau verlegen. Lächelnd reichte sie Ray die Hand. Da Jade keine Anstalten machte, sie vorzustellen, tat sie es selber. „Mein Name ist Melinda Cartwright!“

Ray erhob sich von seinem Stuhl und hauchte ihr charmant einen Kuss auf den Handrücken. Er ließ sich nicht anmerken, dass er sehr wohl wusste, wer sie war. „Ray Sheffield,“ sagte er und sein Timbre ließ Melinda einen Schauer über den Rücken laufen. Schnell zog sie ihre Hand wieder weg. Ihr Blick streifte Jade, die genervt die Auge rollte.

„Es tut mir Leid, das Chaos hier ist meine Schuld.“ Melinda wies mit dem Kinn rüber zum Wohnzimmer. Dann sah sie ihre Schwester an. „Aber, falls es dich beruhigt, Jade: Ich habe eine Wohnung gefunden. Allerdings kann ich erst in zwei Monaten dort einziehen!“

„Gott steh mir bei, dass ich dich nicht vorher umlege!“ stöhnte Jade. Sie hatte die Nase gestrichen voll von Melindas Unordnung. 

Ray grinste verstohlen. Es war ihm ein Rätsel, wie zwei Schwestern so unterschiedlich sein konnten... Melinda entging sein Grinsen nicht, deutete es jedoch falsch.

„Naja, ich lass euch beide dann mal wieder allein. Ich habe noch eine Verabredung.“ Melinda schnappte sich ein paar Schuhe vom Fußboden, die sie hatte holen wollen.

„Eine Verabredung? Du?“ fragte Jade erstaunt und forscher als sie es beabsichtigt hatte. Zwar mochte sie ihre Schwester, aber so langsam gingen sich die beiden Frauen auf die Nerven.

„Falls du es vergessen haben solltest, Jade: Heute ist der 6. Mai. Johns Todestag. Da bin ich immer auf dem Friedhof!“ gab Melinda scharf zurück. Es schmerzte sie, dass Jade sich standhaft weigerte, Johns Grab zu besuchen.

„Hab ich vergessen...“ Jade zuckte mit den Schultern. Für sie war der Tag bedeutungslos. Melinda kniff fest die Lippen zusammen. Sie hatte sich mehr Mitgefühl von Jade erwartet, auch wenn Johns Tod sechs Jahre zurück lag. Für sie war es immer noch wie gestern... „Ich gehe dann mal...“

„In Ordnung! Und tu mir einen Gefallen: Wenn du nachher wiederkommst: Sei ausnahmsweise mal ein wenig dezent! Ich weiß nicht, wie lange ich Lem noch davon abhalten kann, dich rauszuwerfen!“

Melinda verdrehte die Augen. Doch Jade beachtete sie schon nicht mehr. Sie konzentrierte sich wieder auf Ray. Melinda beäugte den Fremden verstohlen. Himmel, sah der gut aus! Woher kannte Jade ihn? Sie hatte den Namen Ray Sheffield noch nie erwähnt! Weder Ray noch Jade sagten ein Wort. Melinda seufzte. „Bis später...“ Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu gehen...

Jade wartete, bis die Haustür hinter ihrer Schwester ins Schloß fiel. „Also gut, was für einen Gefallen?“ Es nutzte nichts, es auf die lange Bank zu schieben.

Ray musterte Jade aufmerksam. Sie war immer noch Detective auf einem Revier im Distrikt Farmington. Und sie gehörte einem speziellen Team an, das sich Strike Team nannte. Ray wußte genau, wie das Strike Team arbeitete. Er hatte schon einmal mit ihnen zu tun gehabt. Damals, vor sechs Jahren...

„Das oberste Gericht in Boston hat Peter Larson rechtskräftig verurteilt. Es ist vorbei, Jade...“ Ray griff über den Tisch nach Jades Hand. Ihre Augen wurden groß, entsetzt keuchte sie auf. „Das kannst du nicht von mir verlangen...“

„Ich weiß, es hat lange gedauert. Keiner hätte damit gerechnet, dass es Larson schafft, den Prozeß über sechs Jahre hinzuziehen. Aber nun ist es entgültig vorbei. Du weißt, was es bedeutet!“

Jades Augen füllten sich mit Tränen. „Du verlangst zuviel, Ray!“

„Ich verlange nur, dass du das gleiche tust wie ich! In zwei Tagen kehre ich zurück nach Boston...!“ Ray stand auf und verließ das Haus. Jade hörte draußen einen Motor anspringen. Tränen rollten über ihre Wangen. All die Erinnerungen brachen wieder über sie herein. Und sie wusste nicht, ob sie um die beiden Männer weinte, die sie damals vor sechs Jahren verloren hatte, als sie Ray den Gefallen schuldig wurde, oder um den Menschen, den sie verlieren würde, um ihre Schuld zu begleichen...  

 

******

Wütend nahm Melinda sich ein Taxi und ließ sich zum zentralen Friedhof bringen. Sie bezahlte den Fahrer, stieg aus und trat durch das große, schmiedeeiserne Tor. Langsam ging sie durch die Reihen, bis sie zum ältesten Teil des Friedhofes kam. Die ältesten Grabsteine, die hier standen, waren aus dem Jahr 1886. Völlig fehl am Platz wirkte daher das Grabmal von John Cartwright, ihrem Mann. Es war immer sein Wunsch gewesen, hier beerdigt zu werden, wo bereits Generationen von Cartwrights unter der Erde lagen. Und es war eine Selbstverständlichkeit gewesen, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. „Oh John!“ Melinda kniete sich nieder und legte eine einzelne, rote Rose auf das Beet. Tränen rannen ihre Wangen hinab. Wie ein Mantel der Dunkelheit lag die Trauer auf ihren Schultern. Der Mantel war so schwer, dass es unmöglich war ihn abzustreifen...

„Eine so schöne Frau wie Sie sollte nicht weinen!“

Erschrocken fuhr Melinda herum. Ray Sheffield stand einige Meter hinter ihr. Sie hatte ihn nicht kommen hören. „Ich wollte Sie nicht erschrecken, verzeihen Sie!“

„Nein, ich habe mich zu entschuldigen,“ sie schlug ihre blauen Augen nieder und wischte sich die Tränen fort. Es war ihr peinlich, dass der Fremde sie hatte heulen sehen. „Seit ich meine Wohnung verloren habe, bin ich… etwas aus der Bahn!“

Sheffield warf einen Blick auf das Grab. „Wie ist er gestorben?“ fragte er und musterte Melinda aufmerksam.

„John?“ Melinda starrte auf den Grabstein. „Er wurde erschossen, im Dienst. Er war Cop... Aber die genauen Umstände seines Todes konnten nie aufgeklärt werden.“

Ray nickte. Sie wusste es also wirklich nicht. Noch nicht!

 

******

 

„Jade?“ Lems Stimme riß sie aus ihren Grübeleien.

„Hier!“ meldete sie sich. Hastig wischte sie sich die Tränen fort. Ihre Augen begannen zu strahlen, als Curtis Lemansky die Küche betrat. Jade erhob sich und schloß die Augen, als er sie in seine Arme nahm und küsste. Seine Nähe gab ihr ein Gefühl von Geborgenheit. Geborgenheit, die sie so nötig brauchte. Einige Minuten ließ sie sich einfach von ihm halten. „Was ist denn los?“ fragte Lem überrascht. „Ist alles in Ordnung?“

Jade war noch nicht bereit mit Lem über Ray zu sprechen. „Klar...“ Ihre Hände glitten unter sein Shirt. „Ich habe noch gar nicht geduscht!“ wehrte Lem ab, der genau wusste, was Jade im Schilde führte. „Um so besser! Ich liebe den Geschmack deiner Haut!“ grinste Jade und ging in die Knie. Sie musste sich ablenken und welch wirkungsvollere Ablenkung gab es, als Lem zu verwöhnen? „Jade...Wenn deine Schwester...“

„Ist unterwegs! Vergiß sie!“ murmelte Jade und öffnete geschickt seine Jeans. Lem schluckte und schloß die Augen. Wenn das so war... Schon spürte er ihr Lippen an seinem besten Stück. „Jade, nicht so wild...“ Lem versuchte, Jade von sich zu schieben. Wie eine hungrige Wölfin hing sie an seinem Schwanz und saugte daran herum, als erwarte sie, die Ölquellen von Texas zum sprudeln zu kriegen.

„Ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit wir haben! Und ich habe es satt immer leise zu sein!“ raunte Jade, als sie sich für einen kurzen Moment von Lem löste. Er schloss die Augen und versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Diesem Ansturm war er nicht gewachsen! „Okay, okay, okay! Schluß!“ Entschlossen schob er Jade von sich. Er hob sie auf seine Arme und trug sie ins Schlafzimmer. Sanft setzte er sie auf dem Bett ab. „Zieh dich aus!“ befahl er ihr. Dem kam sie nur zu gerne nach. Um ihn auf die Folter zu spannen, erhob sie sich und strippte in Seelenruhe für ihn. „Jetzt reicht es mir!“ schnaufte Lem, streckte den Arm aus, packte Jade am Handgelenk und warf sie auf das Bett. Mit einer schnellen Bewegung war er über ihr, schob sich hastig seine Jeans und die Boxershorts runter, drängte ihre Beine auseinander und stieß in sie. Jade verdrehte verzückt die Augen, während Lem erleichtert aufatmete. „Du bist ein verdorbenes Biest!“ schimpfte er, während er sie hart und rücksichtslos nahm. „Da kommt man nichtsahnend von der Arbeit und wird überfallen...“

„Ja, genauso wie du es gerne hast...“ keuchte Jade. Es dauerte nicht lange und sie kamen gemeinsam zum Höhepunkt. Lem scherte es nicht, dass Jade ihm den ganzen Rücken zerkratzte und ihm fest in die Schulter biß. Er fühlte nur eine unendliche Erleichterung, als er sich in ihr ergoß. Schwer atmend blieb er auf ihr liegen. „Ich liebe dich, Jade... Ich liebe dich so sehr! Ein Leben ohne dich ist für mich unvorstellbar...“

Für einem Moment beschlich Jade ein schlechtes Gewissen. Sie lag hier in Lems Armen, während Melinda einsam und alleine an Johns Grab trauerte... Doch dann verdrängte sie das Gefühl. Und den Gedanken an den Mann, der ihr vor einigen Jahren ähnliche Worte ins Ohr geflüstert hatte und dem sie noch einen Gefallen schuldig war. Einen Gefallen, den sie bald in die Tat umsetzen musste...

  

******

 

Ray Sheffield war bereits wieder gegangen. Ohne dass sie weitere Worte gewechselt hätten. Er war genauso lautlos verschwunden, wie er aufgetaucht war. Melina seufzte, wischte sich die Tränen fort, die ihr wieder über das Gesicht rannen, als sie die Inschrift in dem Grabstein zum Millionsten Mal las. Die Gedanken wirbelten in ihrem Kopf herum. Wieso kam der Fremde zu Johns Grab? Wer war er? Sie hatte keine Antworten auf ihre Fragen. Aber sie würde Jade später ausfragen. Melinda sah auf die Uhr. Es wurde Zeit für sie zu gehen. Ihre Arbeit wartete. Sie musste in die Redaktion und noch einige Berichte vom Vortag abtippen. Noch etwas, womit sie ihre Schwester nicht glücklich machte... Melinda war freie Journalistin und hatte sich entschlossen, eine Haut-an-Haut-Reportage über die Spezialkräfte in Los Angeles zu schreiben. Praktischer Weise gehörte Jade zum „Strike Team“, eben eine dieser Spezialeinheiten, Schwerpunkt Bandenkriminalität. Es lag förmlich auf der Hand, Vic und seinen Jungs über die Schulter zu schauen. Zumal sie alle mehr oder weniger gut kannte. Jade hatte entsetzt abgelehnt, als sie vor zwei Wochen den Vorschlag machte und hatte das Team natürlich hinter sich. Doch Melinda hatte einen Trumpf aus dem Ärmel gezogen: Sie hatte den politisch ambitionierten Captain auf ihre Seite gezogen. Zähneknirschend musste sich das Strike Team damit abfinden, für einige Wochen den Babysitter zu spielen...

Als Melinda spät in der Nacht nach Hause kam, schliefen Jade und Lem bereits. Und als sie am Morgen aufwachte, waren die beiden schon weg...

 

******

 

„Morgen...“ brummte Vic Mackey, der Leiter des Strike Teams unwirsch, als er das Clubhaus - so nannte das Strike Team ihren Aufenthaltsraum im Revier - betrat und Melinda auf der Couch sitzen sah. Für gewöhnlich betrat niemand unaufgefordert das Clubhaus. Selbst Captain Aseveda vermied es so gut es ging. Melinda kannte keine Zurückhaltung. „Guten Morgen...“ gab sie zuckersüß zurück. Mochte Vic Mackey ihr noch so brummig gegenübertreten, sie ließ sich von ihm nicht einschüchtern. Was sie allerdings keinem Verdächtigen raten würde. Vic Mackey war 1,80 m groß, seine bullige Statur, seine Glatze, die tiefblauen Augen und seine harten Gesichtzüge wirkten sehr einschüchternd. Doch da sie ihn schon des öfteren privat erlebt hatte, prallte sein kalter Blick von ihr ab. Meistens zumindest.

„Wo sind Lem und Jade?“ knurrte Vic. Wieso konnte Melinda nicht zu Hause bleiben? Er hatte es satt, den Babysitter zu spielen!

„Keine Ahnung... Sie waren schon weg, als ich aufwachte und ich musste mit meinem eigenen Wagen fahren.“ Melinda zuckte die Schultern und vermied es, ihren Ärger zu zeigen. Jade und Lem zeigten ihr überdeutlich, wie unwillkommen sie auf dem Revier war. Vic grinste hämisch. Er wusste, wie genervt Lem von seiner Schwägerin war. Die Tür zum Clubhaus flog auf.

„Man kann sich morgens nicht mal in Ruhe einen Kaffee kaufen!“ stöhnte Jade. Lem folgte ihr dicht auf den Fersen, er grinste gutgelaunt.

„Hey Vic!“ Jade küsste Vic kurz auf die Wange.

„Was ist passiert?“ fragte er und sah von Jade zu Lem.

„Ich steig am Coffeeshop aus, um uns einen Kaffee zu holen, drüben an der Vermont... Da spricht mich ein Typ an und bietet mir 40 $, wenn ich ihm meine Pussy zeige! Am hellichten Tag!“ entrüstete sich Jade. Lem kicherte vergnügt. „Seh ich wie eine Nutte aus?“ schimpfte Jade.

Vic legte den Kopf schief und grinste. Jade trug eine enge Jeanshose und ein ebenso enges Shirt. Beides trug nicht gerade dazu bei, ihre Kurven lediglich dezent in Szene  zu setzen.

„Wage es ja nicht!“ herrschte Jade ihn an. Sie sah ihm an der Nasenspitze an, was er dachte. 

„Und was ist passiert?“ fragte Melinda neugierig, die bisher noch gar nicht beachtet wurde, aber eifrig Notizen machte.

„Ich habe ihn verhaftet!“ antwortete Jade. Lem räusperte sich vernehmlich.

„Verhaftet?“ fragte Vic scheinheilig nach.
„Nachdem sie ihm kräftig in die Eier getreten und ihm den Arm ausgekugelt hat!“ präzisierte Lem. „Er hockt im Käfig und weint wie ein Schloßhund. Hat Schiß, dass seine
Frau davon erfährt!“  Lem gab Jade einen Kuß auf die Schläfe. Er war eindeutig stolz auf sie. „Was liegt denn heute an?“ Er warf Vic einen Blick zu.

„Aceveda bereitet uns eine besondere Freude. Es reicht nicht, dass Melinda uns hier im Clubhaus auf die Pelle rückt, sie soll bei uns mitfahren!“

„Der spinnt doch!“ brauste Lem sofort auf. „Kommt ja gar nicht in Frage!“ stimmte Jade zu. „Und warum nicht? Ich bin doch kein Baby!“ Melinda stand auf und baute sich drohend vor ihrer Schwester auf.
„Weil es zu gefährlich ist! Wir spielen hier nicht mit Wasserpistolen! Also bei mir fährst du nicht mit!“ Jade blieb unnachgiebig.
„So ist es! Wir sind weg!“ Lem schob Jade schnell durch die Hintertür nach draußen. Melinda sah Vic auffordernd an. „Tja, dann bleiben wohl nur noch wir übrig!“

Vic biß die Zähne zusammen, dann griff er nach seinem Handy. Er rief seinen Partner an. „Shane? Ich arbeitet heute mit Ronny. Und du wirst babysitten!“

„Was?“ Shane Vendrell ließ fast das Handy fallen. Er war nicht mal auf dem Revier angekommen und der Tag wurde schon beschissen...

„Miss Cartwright freut sich drauf, heute mit dir zu fahren!“ erklärte Vic und klappte das Handy zu, ehe Shane protestieren konnte. „Viel Spaß heute!“ wünschte Vic und machte sich schleunigst aus dem Staub....

„Arschloch!“ brummte Melinda. Mutterseelenallein hockte sie im Clubhaus. Shane war noch nicht da. Pünktlichkeit war nicht gerade die Stärke des vorlauten Südstaatlers. Melinda griff in ihre Handtasche und fischte die Automatik heraus, das einzige Erinnerungsstück, das sie noch von John hatte. Sie steckte sie sich am Rücken in den Bund ihrer Jeans, wie sie es oft im Fernsehen gesehen hatte und drapierte ihre Lederjacke so darüber, dass man nichts sah. Bisher hatte sie zwar nur hier im Clubhaus oder auf dem Revier rumlungern dürfen, doch sie kannte das Strike Team lange genug, um zu wissen, wenn man mit Vic und seinem Team unterwegs war, musste man auf alles gefasst sein. Auch dass auf einen geschossen wurde. Andererseits, in ihrer derzeitigen Situation war es ihr scheißegal, ob sie von jemandem über den Haufen geknallt wurde oder nicht. Sie war an einem Punkt in ihrem Leben, wo es schlicht bedeutungslos war. Mit dem Brand in ihrer Wohnung hatte sie nicht nur den Ort verloren, wo sie nachts schlief, sondern auch all ihre Besitztümer und, was viel schlimmer war, all die Dinge, die John einmal gehört hatten. Bei diesem Gedanken kamen ihr schon wieder die Tränen. Hastig wischte sie sie weg, als sie näher kommende Schritte hörte. Die Tür flog auf und Shane Vendrell betrat den Raum. Ihm war anzusehen, dass er äußerst miese Laune hatte. Melinda fand Detective Shane Vendrell attraktiv, aber menschlich gesehen war er ebenso ein Arsch wie jedes Mitglied des Strike Teams. Melinda biss sich bei diesem Gedanken auf die Zunge. `Stimmt ja gar nicht´, dachte sie. Nur weil dich hier niemand mit offenen Armen empfangen hat…

Vic Mackey, Shane Vendrell, Ronni Gardocki, Curtis Lemansky und Jade standen sich näher als ein gewöhnliches Team. Sie standen füreinander ein. Sie würden füreinander sterben. Sie waren eine Familie. Eine Familie, zu der Melinda schlichtweg nicht dazu gehörte. Sie war „nur“ Jades Schwester. Und eine neugierige Journalistin dazu. Was ihre Position gegenüber dem Strike Team nicht verbesserte. Doch Melinda war fest entschlossen, nicht nur eine gute Story abzuliefern. Sie wollte dazu gehören! Was hatte sie denn noch? John war tot. Es blieb ihr nur noch Jade... Und die Jungs aus dem Strike Team...

„Hallo Shane!“ Melinda lächelte Shane an. Sie wusste, dass sie ihm gefiel und hoffte, seine Laune ein wenig verbessern zu können, wenn sie freundlich zu ihm war.

„Hey!“ Shane sah sich um und rollte mit den Augen. Typisch, die anderen hatten sich natürlich schon abgesetzt!

„Können wir?“ Melinda schob sich neben die Hintertür. Sie war begierig darauf, endlich näher an die Action zu kommen. Die letzten zwei Wochen auf dem Revier waren - nun  ja, stinklangweilig wäre nicht das passende Wort - aber eben furztrocken gewesen.

Vendrell seufzte. Er hatte absolut keinen Bock für Jades Schwesterlein den Babysitter zu spielen. Andererseits, wenn er sie so betrachtete, von oben bis unten, schlecht sah Melinda nicht aus. Insgeheim fragte Vendrell sich, was Melinda wohl unter der hautengen Jeans trug. Bei Jade hatte er nie landen können. Doch vielleicht hatte er bei ihrer Schwester mehr Glück?

„Shane!“ Captain Aceveda steckte den Kopf zur Tür herein. Irritiert sah er sich um. Sein Blick blieb auf Melinda haften. „Wo sind die anderen?“
„Schon weg! Ich bin der Babysitter...“ Shane zuckte die Schultern.

Aceveda knirschte mit den Zähnen. Das war nicht der Befehl, den er Mackey gegeben hatte! „Okay... Sie und .... Miss Cartwright...“ Aceveda seufzte genervt. „Fahren Sie zur Lamont. Einige Stricher sind dort mehrfach attakiert worden... Ich will, dass das aufhört!“ Schon klappte die Tür schon wieder zu.

„Gibt er immer so deutliche Befehle?“ fragte Melinda. Sie hatte keine Ahnung, was Acevda erwartete.

„Ich wünschte, er würde es tun!“ grinste Shane. ER wußte genau, was zu tun war. Auch wenn Stricher nicht unbedingt zu dem Klientäl gehörten, für die er sich ein Bein ausriß...

„Dann komm, Süße!“ Er gab Melinda einen Klaps auf den Hintern und Melinda schrie erschrocken auf. „Spinner!“ murmelte sie und musste kräftig ausschreiten um mit ihm Schritt halten zu können. Kaum hatte sie sich in den Sitz des Wagens fallen lassen, trat Vendrell auch schon das Gaspedal durch. Hastig schnallte sich Melinda an und zückte anschließend Block und Stift. „Erzähl mir etwas über das Strike Team!“ Es war die erste Gelegenheit, einen von ihnen alleine ausquetschen zu können. Jade und Lem klebten aneinander wie Fliegen auf einem Stück Leimpapier und beide beherrschten erstklassig die Kunst, Melinda zu ignorieren wenn sie Abends  daheim waren.

„Hä?“ Vendrell raste im halsbrecherischen Stil über die Straßen.

„Hallo, schon vergessen? Ich bin hier um eine Story über Spezialkräfte zu schreiben! Gib mir ein paar Informationen über das Team!“

„Äh, also da gibt es Vic, ich meine Mackey … Ronny, Lem, mich und … ja... äh, Jade …“ zählte Shane auf, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Genervt löste Melinda wieder den Sicherheitsgurt und setzte sich auf die linke Pobacke. „Sag mal, geht’s noch? Ich bin Jades Schwester, ich KENNE die Mitglieder eurer Einheit, auch wenn sie mich nicht mal mit dem Arsch angucken! Ich will wissen was ihr tut! Ich meine, wenn Captain Aceveda euch nicht gerade wegen irgendetwas zur Sau macht!“

„Pffff,“ machte Vendrell. Diese blöde Zicke! Er warf ihr einen genervten Blick zu, stutzte kurz, dann trat er voll auf die Bremse. Melinda konnte sich nicht rechtzeitig abstützen, wurde nach vorne geschleudert und knallte mit der rechten Schläfe gegen die Frontscheibe. „SPINNST DU?“ schrie sie. Ihr Kopf dröhnte wie ein Bienenstock. Als sie ihre Schläfe abtastete, spürte sie Blut an ihren Fingerspitzen. „Mist!“ fluchte sie und suchte in ihrer Handtasche hastig nach einem Taschentuch.

„Scheiße!“ fluchte Shane. Gleichzeitig riss er die Wagentür auf, zog seine Dienstwaffe und rannte los.

„Vollidiot,“ murmelte Melinda, als ihr klar wurde, dass sich sein Fluch nicht auf ihren Unfall bezog. Genauer gesagt hatte Shane noch gar nicht registriert, dass sie verletzt war. „Alles Vollidioten und Wahnsinnige in dieser Einheit!“ schimpfte sie und presste sich das Taschentuch fest gegen die Schläfe. Sie sah sich suchend um, doch Shane war nirgendwo zu sehen. Nach ein paar Minuten kehrte er zurück. Vor sich her schob er einen mit Handschellen gefesselten und zeternden Mann. Er sah abgerissen und abgemagert aus, hatte dunkle Augenringe und stank fürchterlich nach Alkohol und Schmutz. Melinda schätzte ihn als Junkie ein. 

„Das ist Frank Payson, den suchen wir schon seit zwei Monaten,“ erklärte Shane grinsend. Dann warf er einen Blick auf Melinda. Sie rechnete damit, dass er sich jetzt entschuldigen würde, sich erschrocken um ihre Verletzung kümmern würde, aber da kannte sie Shane Vendrell schlecht...

„Wenn du mir das Auto vollblutest, bezahlst du die Reinigung!“ schnauzte er sie an. Melinda sah ihn mit funkelnden Augen an. Plötzlich entsann Shane sich, dass Melinda die Schwester von Jade war. Und die würde ihm die Eier rösten, wenn er ihr Schwesterchen nicht gut behandelte! „Okay, schon gut, ich fahr dich ins nächste Krankenhaus,“ fügte er reumütig hinzu. Shane schob den Verhafteten auf die Rückbank des Wagens. 

„Herzlichen Dank!“ fauchte Melinda. Die Schimpfworte, die ihr noch auf der Zunge lagen, schluckte sie hinunter. Vorerst...

******

Zwei Stunden später trudelten Vic, Ronny, Lem und Jade gut gelaunt wieder im Clubhaus ein. Melinda lag auf der Couch. Auf ihrer Schläfe klebte ein großes Pflaster. Sie hatte einen Lappen über den Augen und heftige Kopfschmerzen.

„Hey, alles klar?“ fragte Jade im Vorbeigehen ohne Melinda näher anzusehen.

„Ich hab mir Payson geschnappt,“ verkündete Shane stolz.

„Glückwunsch!“ Ronny und Lem klopften ihm auf die Schultern.

„Ach ja, und Melinda hatte einen kleinen Unfall...“ fügte er hinzu.

„Unfall?“ stöhnte Melinda und nahm den Lappen hoch. Sie versuchte sich aufzurichten, doch sofort schoß ihr ein heißer, stechender Schmerz von einer Schläfe zur anderen. Ächzend sank sie wieder zurück.

„Was ist passiert?“ fragte Jade. Sie fixierte Shane, damit er ja nicht auf den Gedanken kam, ihr eine Lüge aufzutischen.

„Ich habe gebremst und sie war nicht angeschnallt...“ schilderte Shane den Unfall.

„Ich WAR angeschnallt!“ fauchte Melinda und warf wütend ihren Lappen nach ihm.

„Wenn du angeschnallt gewesen wärest, hättest du nicht die Scheibe geknutscht!“ entgegnete Shane trocken. „Aber vielleicht kapierst du ja jetzt endlich, dass du hinter den Schreibtisch gehörst und nicht in mein Auto...“ Außer willig und breitbeinig auf den Rücksitz fügte er in Gedanken hinzu, hütete sich aber es auszusprechen, so lange Jade in Hörweite war. 

Jade biß die Zähne zusammen. Sie hatte keine Lust auf diese Kindergartenstreitereien. Sie wusste, wenn Shane sich erst mal reinsteigerte, würde er stundenlang darüber lamentieren. „Hört auf zu streiten! Melinda, ich fahre dich nach Hause!“ Jade half ihrer Schwester beim Aufstehen. Als sie sie im Rücken stützte, ertastete sie die Waffe. Jade sah Melinda erschrocken an, dann bugsierte sie sie schnell nach draußen.
„Hast du nicht mehr alle Tassen im Schrank?“ schrie Jade sie an, kaum dass sie auf dem Parkplatz waren. Sie riß Melindas Jacke hoch und nahm die Automatik. „Du hast keinen Waffenschein! Was willst du überhaupt mit dem Ding? Etwa mitballern, wenn wir im Einsatz sind?“ Jade war auf 180. „Hier! Fahr nach Hause!“ Sie
drückte Melinda die Schlüssel ihres Wagens in die Hand. Die Lust Krankenschwester für ihre verletzte Schwester zu spielen, war ihr gründlich vergangen.

„Ich hab mein eigenes Auto!“ Trotzig gab Melinda den Schlüssel zurück.

„Dann nimm es! Und tu mir einen Gefallen: halt dich heute zurück! Ich muß überlegen, was ich mit der Waffe mache. Wenn Lem davon erfährt, schmeißt er dich hochkant raus! Und das wäre noch deine geringste Sorge!“ Jade fuhr sich durch die Haare. Verdammt! Woher hatte Melinda den Ballermann?! Und wie konnte sie auf die bescheuerte Idee kommen, ihn zu tragen?

„Jade...“ Melinda fühlte sich schuldig. Sie hätte die Waffe nicht mitnehmen dürfen.

„Fahr nach Hause!“ Jade hörte sich erschöpft an. Sie strich Melinda über den Rücken. „Leg dich zu Hause hin und ruh dich aus. Ich kümmere mich darum...“ Jade wartete, bis Melindas Wagen vom Parkplatz rollte, dann kehrte sie zurück ins Clubhaus.

„Du waschechter Vollidiot!“ schrie Jade, packte Shane am Hemdaufschlag und presste ihn gegen die Wand. „Du hättest beinahe meine Schwester umgebracht!“

„Hey, komm schon, Jade, es war ein Unfall!“ Shane versuchte, sie von sich zu drücken.

„Warum hast du Arsch nicht besser auf sie aufgepasst?“

„Jade, es war ein Unfall,“ Lem umfasste Jades Schultern. Er musste sie fast mit Gewalt von Shane fortziehen.

„Wenn du noch mal so einen Scheiß machst, leg ich dich um, verstanden?“ schimpfte Jade. Lem runzelte die Stirn. Was war mit Jade los? Sie regte sich doch sonst nie so auf! Und wenn er genauer darüber nachdachte, war Jade schon den ganzen Tag nervös und gereizt gewesen...

Vendrell seufzte ergeben und schnappte sich seinen Autoschlüssel.

„Wo willst du hin?“ fragte Vic.

„Einen Krankenbesuch machen, ehe Melinda petzt und mir Aceveda auch noch den Arsch aufreißt. Und bei der Gelegenheit kann ich ihr gleich die Rechnung geben. Irgendjemand muss schließlich die Reinigung meines Autos bezahlen.“

„Wie gut, dass ich ihr die Waffe abgenommen habe…“, murmelte Jade. Melinda würde Shane abknallen, wenn er es wagen würde, ihr eine Rechnung unter die Nase zu halten.

„Welche Waffe?“ fragte Lem sofort. Jade zuckte zusammen. Verdammt, warum hatte Lem auch so gut Ohren? „Äh...“ druckste Jade herum.

„Welche Waffe?“ fragte Lem streng.

Jade seufzte und rückte die Automatik raus. „Die hatte Melinda bei sich...“

Lem verzog das Gesicht. „Ich habe die Schnauze voll, Jade!“

„Curtis...“
„NEIN! Es reicht! Sie hat sich in unserem Haus eingenistet. Okay, ihre Bude ist abgebrannt und sie ist deine Schwester. Aber das gibt ihr nicht das Recht, unser Wohnzimmer in einen Schweinestall zu verwandeln! Es sieht dort aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen! Sie nimmt überhaupt keine Rücksicht auf unsere Privatsphäre. Anklopfen??? Das ist für sie ein Fremdwort! Und dann taucht sie hier auf und will eine Story über unser Team schreiben! Also geht sie mir auch noch während des Dienstes auf die Eier! Und trägt dabei eine scharfe Waffe mit sich rum, für die sie nicht mal einen Waffenschein hat! Für wen hält sie sich? Calamity Jane?“ brüllte Lem herum.
Betreten sah Jade zu Boden. Es war noch nie vorgekommen, dass Lem sie anschrie.

„Lem hat Recht!“ nickten Vic und Ronny, die bisher nur schweigende Zuhörer waren. „Sie kann bei uns nicht mitfahren. Und sie darf keine Waffe tragen! Ohne Waffenschein ist das ein schwerer Verstoß. Eigentlich müssten wir sie einbuchten!“ Vic verschränkte belustigt die Arme vor der Brust. Melinda würde toben, wenn er sie in den Käfig sperren würde, den sie für ihre Verdächtigen bereit hielten.

„Curtis...“ versuchte es Jade noch einmal.
„Nein!“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie wird ausziehen! Morgen Abend ist sie verschwunden! Aus unserer Wohnung und aus unserem Job!“

„Curtis...“ Jade wollte ihm sagen, dass Melinda gehen würde, doch er ließ sie gar nicht zu Wort kommen.

„Wenn du es ihr nicht sagst, dann werde ICH es tun!“ Lems blaue Augen funkelten. So wütend hatte sie Lem noch nie vorher gesehen.

„Okay...“ seufzte Jade. Ihr blieb ja nichts anderes übrig. Sie würde Melinda sowieso reinen Wein einschenken müssen. Ray hatte ihr nur zwei Tage Zeit gegeben. Außerdem... Melinda war zwar ihre Schwester, aber jedes Wort von Lem war die volle Wahrheit...   

„Gib mal her,“ sagte Vic und nahm Lem die Waffe aus der Hand. Von einem Moment auf den anderen verdüsterte sich sein Blick.

„Weißt du, woher sie die Waffe hat?“ fragte er Jade. Er überprüfte das Magazin. Mit der Waffe war lange nicht mehr geschossen worden.

„Nein!“ Jade schüttelte den Kopf. „Aber ich nehme mal an, es war Johns...“

Vic steckte die Automatik ein. Er seufzte auf. „Wir hätten es damals alles anders angehen sollen! Das hätte uns viel Kummer erspart!“ 

Jade lächelte gequält. Sie hätte jetzt sagen können, dass sie vor sechs Jahren schon dagegen gewesen war, Melinda nicht die Wahrheit zu sagen, doch damals war sie von den Jungs überstimmt worden. Und wer hatte den Preis bezahlt? Melinda...

 

*****

 

Stöhnend öffnete Melinda die Augen. Sie hatte versucht zu schlafen, doch gerade als sie eingenickt war, klingelte es an der Tür Sturm. Sie erhob sich und schlurfte zur Tür. „Ja?“ fragte sie durch die geschlossene Tür.

„Ich bin’s, Shane! Mach auf!“ Um sie zur Eile anzutreiben, trat er mit der Spitze seines Stiefels gegen die Tür.

„Hmpf...“ Melinda schob die Kette zur Seite und öffnete.

Shane hielt ihr einen Blumenstrauß unter die Nase. Auf dem Weg zu Jade und Lems Haus hatte er sich kurzfristig dazu entschieden, es mit der verständnisvollen Masche zu probieren. Sicher würde er damit eher bei ihr landen, als wenn er weiter den raubeinigen Macho raushängen ließ.

„Äh, danke…“ Fast wäre Melinda vor Verlegenheit rot geworden. „Komm rein, ich suche eine Vase.“

„Wie geht es dir?“ fragte Shane und warf sich auf die Couch. Die Unordnung um sich herum ignorierte er.

„Besser, danke!“ Melinda holte eine Vase aus dem Schrank, ging in die Küche, füllte Wasser ein und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Kaum hatte sie die Lilien ins Wasser gestellt, wedelte Shane mit einem Stück Papier.

„Was ist das?“

„Die Rechnung für die Reinigung meines Wagens!“

Wut kochte in Melinda empor. Erst brachte er sie fast um und dann wagte er es tatsächlich, mit der Rechnung hier aufzutauchen! Während sie ihm mit der linken Hand die Quittung entriss, versetzt sie ihm mit der Rechten eine Ohrfeige. Als sie erneut ausholte, packte er blitzschnell ihr Handgelenk und zog sie zu sich heran. „Du gibst mir ja nicht mal die Möglichkeit mich zu entschuldigen,“ warf er ihr vor.

„Das würdest du doch nie tun!“ zischte sie wütend. 

Shane grinste – und küsste sie. Er mochte temperamentvolle Frauen!

Melinda wusste gar nicht was sie sagen sollte.

„Also, wenn du die Reinigung meines Autos bezahlst, lade ich dich zum Essen ein!“ raunte Shane, als sich seine Lippen von ihrem Mund lösten.

Melinda verschränkte die Arme vor der Brust. „Vergiss es, Shane!“

„Nun, einen Versuch war es wert. Ich würde ja, ehrlich gesagt, auch viel lieber etwas anderes mit dir machen, als essen zu gehen!“ Er grinste breit und schob sein Becken ein wenig vor, damit sie auch ja begriff, was er meinte.

„Raus!“ Melinda wurde blass vor Zorn.

„Melinda, ich …“ Plötzlich wurde Shane bewußt, dass sein Plan den verständsnivollen zu spielen, etwas aus dem Ruder geraten war. 

„RAUS!“ entschlossen bugsierte Melinda ihn zur Tür. Nur mit Mühe konnte sie der Versuchung wiederstehen, ihm eine kräftigen Tritt in den Hintern zu verpassen... Wütend knallte sie die Tür hinter ihm zu. 

 

*****

 

Jade beschloss, früher nach Hause zu fahren. Sie musste die Wogen zwischen Lem und Melinda ein wenig glätten. Außerdem wurde es wohl Zeit, ein Gespräch von Schwester zu Schwester zu führen. Ein Gespräch, das Jade gerne noch vor sich her schieben würde.

Als sie nach Hause kam, lag Melinda im großen Doppelbett und schlief. „Oh Mann, ausgerechnet auf Lems Seite! Der wird ausflippen...“  Jade ließ Melinda schlafen und machte sich daran, die Wohnung aufzuräumen. Sie war gerade fertig, als Melinda aufwachte und gähnend ins Wohnzimmer geschlurft kam. „Endlich!“ Jade ging an ihr vorbei und zog das Bett ab. Als sie fertig war, kehrte sie zu ihrer Schwester zurück. „Hör mal... Curtis ist stinksauer! Tu mir den Gefallen und reize ihn nicht noch mehr. Ich musste ihm von der Waffe erzählen. Und ich habe keine Lust, mich wegen dir mit ihm in die Haare zu kriegen!“
„Ja, ja...“ Melinda hörte gar nicht richtig zu. Sie zappte durchs Fernsehprogramm. Eine Stunde später kam Lem nach Hause. Seine Miene verdüsterte sich, als er Melinda sah. „Ich gehe duschen!“ sagte er zu Jade und küsste sie sanft auf die Stirn.

„Okay, ich mache das Abendessen!“ Jade sah ihm nach, als er das Bad betrat, dann ging sie in die Küche. Sie schälte gerade Kartoffeln, als Melinda aufstand und ins Bad ging. Melinda hörte zwar die Dusche rauschen, aber es war ihr egal. Ohne anzuklopfen ging sie rein. Lem ließ sich gerade heißes Wasser über Kopf und Schultern laufen. Er öffnete die Augen und erstarrte, als er Melinda durch den transparenten Duschvorhang erkannte.
„Lass dich nicht stören!“ Ungeniert klappte Melinda den Klodeckel hoch, zog sich die Hose runter und setzte sich auf die Brille. Während sie pinkelte, musterte sie Lem von oben bis unten: „Bist nicht schlecht bestückt!“ bemerkte sie trocken. Lems Erstarrung löste sich. „Jaaaadddeeeeee!“ brüllte er, riss das Handtuch vor seinen Körper und hüpfte regelrecht aus der Wanne. Er stürmte tropfnass in die Küche, doch Jade war nicht da. Durchs Fenster konnte er sehen, wie sie mit einem Mann sprach, der neben
einer schwarzen Corvette stand. 

 

 

„Ray, wieso?“ fragte Jade. Sie stand dicht vor ihm, fast meinte sie, seine Körperwärme spüren zu können.

„Wieso was?“ Sanft berührte er ihren Oberarm.

„Warum verlangst du von mir, wieder einen Menschen herzugeben, den ich liebe?“

„Das verlange ich nicht von dir. Das habe ich vor sechs Jahren auch nicht verlangt. Du hättest doch mitkommen können! Aber du...“ In seiner Stimme klangen Sehnsucht und Hoffnung mit.

Jade legte ihm den Zeigefinger ihrer linken Hand auf den Mund. „Bitte Ray... Ich habe mich damals entschieden, bei Melinda zu bleiben. Ich gebe zu, ich habe viele Nächte geweint, weil ich dich so sehr vermisst habe..“ Rays Augen begannen zu leuchten. Er neigte den Kopf ein wenig, doch ehe seine Lippen sie berühren konnten, drehte sie den Kopf zur Seite. „Ray... Meine Entscheidung damals war richtig...“

„Jade...“

„Ray, warum kannst du die Vergangenheit nicht ruhen lassen?“

„Weil wir damals einen Fehler gemacht haben! Du weißt es und ich weiß es! Und ich finde es ist an der Zeit, es zu korrigieren! Bitte Jade!“

Jades Kopf fuhr herum, als sie Lem im Haus brüllen hörte. „Ich kann nicht... Die Zeiten haben sich geändert. Damals bin ich nicht mit dir gegangen, weil ich Melinda beistehen musste. Und heute... Curtis ist der Mann, dem mein Herz gehört...“ Ohne ein weiteres Wort ließ sie Ray stehen und eilte ins Haus. Als sie die Haustür öffnete, prallte sie zurück. Lem und Melinda schrieen sich an, dass die Wände wackelten. „Was ist denn nun los?“ wunderte sich Jade und blieb wie angewurzelt stehen.

Melindas Gesicht war hochrot vor Zorn, die Nasenspitze schneeweiß. „Es wird Zeit, dass Jade mal für mich da ist. Und Privatsphäre, was zur Hölle soll das sein, Lem? Ich habe unseren krebskranken Vater drei Jahre bis zu seinem Tod gepflegt, rund um die Uhr, Tag und Nacht. Du hast keine Ahnung, was das bedeutet, Lem! Und anstatt mir zu danken sprach er immer nur von Jade! Seine liebe, kleine Jade! Der einzige Lichtblick in seinem Leben, die einzige Tochter, von der er etwas hielt. Ja wo war sie denn? Sie war nicht da, als er starb! Auf der Polizeiakademie war sie, was Dad bezahlt hat. Aber für mich war nie Geld da!“ brüllte Melinda unbeherrscht.

„Ich will trotzdem, dass du gehst!“, sagte Lem heiser. Er hatte keine Ahnung von dem gehabt, was Melinda ihm gerade erzählt hatte. Und ehrlich gesagt, hatte er nicht wirklich kapiert, wo der genaue Zusammenhang war. Es musste sich eine ungeheure Wut und Verzweiflung in Melinda aufgestaut haben, die sich jetzt unkontrolliert ihren Weg brach.  

„Meine Waffe!“ Melinda streckte fordernd die Hand aus.

„Die habe ich nicht mehr.“

„Wer dann?“

„Vic.“

„Gut, dann hole ich sie mir von ihm!“

Wütend schmiss Melinda ihre wenigen Habseligkeiten in ihre Reisetasche und zog sich ihre Schuhe an.

„Melinda...“ Jade versuchte, ihre Schwester aufzuhalten. „Wo willst du denn hin?“

„In ein Hotel!“ Damit schlug sie krachend die Tür hinter sich zu. Draußen musste sie erst einmal tief Luft holen um überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können.

Plötzlich hielt ein Wagen vor ihr und die Beifahrertür wurde geöffnet. Als sie Ray Sheffield am Lenkrad erkannte, stieg sie ohne zu zögern ein.

„Würden Sie mich in ein Hotel fahren?“ fragte Melinda und wischte sich verstohlen die Tränen weg, die ihr vor Zorn über die Wangen liefen.

„Was halten Sie davon, wenn wir erst einmal zu mir fahren?“ schlug Ray vor.

Melinda nickte. Momentan war ihr alles egal...

 

*****

„Stimmt das, was Melinda gesagt hat?“ Lem sah Jade fragend an.

„Was? Oh, warte, laß mich raten... Sie hat den krebskranken Vater gepflegt, ich war nie da, ich war die einzige, die Vater geliebt hat?“ zählte Jade auf, während sie anfing Ordnung im Wohnzimmer zu schaffen.

„Ja, so in etwa war es das...“ Lem bückte sich nach einer CD, die hüllenlos auf dem Boden lag.

„Melinda sieht sich gerne in der Opferrolle...“ Jade seufzte und setzte sich auf die Couch. „Ja, es stimmt. Ich war auf der Polizeiakademie als Vater krank wurde. Hätte ich alles hinwerfen sollen, wofür er so hart geschuftet hat? Ob er mich mehr liebte als sie?“ Jade zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Und wenn ist es nicht meine Schuld...“

„Sie hat ihn gepflegt...“ Lem setzte sich neben Jade auf die Couch. Er machte sich nichts daraus, dass er immer noch klatschnasse Haare hatte und nur ein Badetuch um die Hüften trug.
„Ja... Das hat sie. In der Tat! War eine wunderbare Ausrede, die Schule zu schmeißen!“

„Sie behauptet, für sie wäre nie Geld da gewesen...“ Er legte den Arm um Jades Schultern. Jade schmiegte ihre Wange an seine nackte Brust.

„Das ist ihre Sicht der Dinge! Vater hat mir die Ausbildung finanziert. Sie hat aber die Ranch geerbt. Eine Ranch mit 500 Hektar Land... Keine Ahnung, was sie damit gemacht hat, als sie John heiratete. Ist mir auch egal. Ich bin nicht für Melindas Leben verantwortlich. Sie ist erwachsen...“ Jade zuckte  mit den Schultern. So ganz entsprach es nicht der Wahrheit. Aber das wusste Lem. Natürlich war Melinda für ihr Leben selber verantwortlich. Allerdings hatten  Jade und das Strike Team vor sechs Jahren etwas getan, was Melindas Leben entscheidend verändert hatte. Sie hatten eine Entscheidung getroffen, ohne Melinda überhaupt die Chance zu geben, ihre eigene Wahl treffen zu können. Doch davon würde Melinda niemals erfahren dürfen. 
„Wer war der Mann mit der Corvette?“ Scheinbar gleichgültig fragte er danach.

„Äh...“ Jade fühlte sich ertappt. „Hast du ihn nicht erkannt? Das war Ray...“

Lem erstarrte. „Sheffield ist hier? Was will er?“

Jade wollte das heikle Thema umschiffen. „Curtis, jetzt ist Melinda weg, jetzt gelten doch wieder unsere Regeln!“ lenkte sie schnell ab.

„Jade, weich mir nicht aus!“ Lems blaue Augen bohrten sich in Jades smaragdgrüne. „Was wollte Ray?“

„Mir mitteilen, dass Larson jetzt rechtskräftig verurteilt ist. Mehr nicht...“

Lem schloß fest die Arme um Jade. „Ich weiß genau, was er will! Aber... Ich gebe dich nicht her, Jade! Er hat seine Chance gehabt und er hat es vermasselt!“
„Wie kommst du darauf, dass er es vermasselt hat?“ fragte Jade verwundert.

„Wenn du ihn wirklich geliebt hättest, wäre es damals anders gelaufen. Du wärest mit ihnen  gegangen!“
„Bist du verrückt? Denkst du, ich hätte Lust gehabt, mich ein Leben lang verstecken zu müssen?“ protestierte Jade. „Und wie kommst du darauf, dass Ray meinetwegen hier ist?“

Lem hob die Hand und strich sanft mit dem Daumen über Jades Lippen. „Weil ich an seiner Stelle nicht anders handeln würde...“ Er sprach den Satz nicht zu Ende. Jade schloß kurz die Augen, dann hob sie die Lider wieder. Lems Gesicht war ihr so nah. Sein vertrautes Gesicht, das sie so sehr liebte. Sie stubste mit der Stirn zärtlich gegen seine Nase, hob dann den Kopf an und sah ihm in die Augen. Ihr Herz schlug automatisch einige Takte schneller. Sie liebte das Blau seiner Augen. Jedesmal kam es ihr vor, als würde sie darin versinken wie in einem großen See, als würde sie in seine Seele eintauchen. „Curtis, du hast recht... Es ist nicht nur wegen mir, aber Ray hat...“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe ihm gesagt, ich kann dich nicht verlassen...“ Jade schmiegte ihre Wange an Lems nackte Brust. „Du bist die Liebe meines Lebens, Curtis. Und ich habe schon gewählt...“ Jade schloß die Augen und lauschte seinem Herzschlag. Ja, sie hatte gewählt. Sie hatte John verloren. Sie hatte Ray verloren. Sie würde Melinda verlieren. Aber die Liebe zu Lem wog diesen Verlust doppelt und dreifach auf...   


*****

 

„Äh … Danke!“ Melinda nahm das Glas entgegen, das Ray ihr hinhielt. Sie sah ihn nachdenklich an, während sie einen Schluck von dem Wein trank. Woher kannte Jade ihn? „Eigentlich weiß ich gar nichts über Sie, Ray!“

Sheffield grinste. Diese Frage hatte er schon so oft gehört. Und wie immer beantwortete er sie so belanglos es möglich war. „Ich bin 1,80m groß, habe schwarze Haare und braune Augen. Ich fahre eine 65er Corvette Stingray und habe eine Vorliebe für schwarze Lederjacken. Außerdem stehe ich auf Frauen, die wissen, was sie wollen!“

Melinda lachte. Es war nicht das erste Mal, dass ihr so eine ausweichende Antwort gegeben wurde. Das war das erste, an das sich eine Journalistin gewöhnen musste.

„Und Sie?“ Ray sah sie über den Rand seines Weinglases an. Er wusste alles über sie, einschließlich der Farbe ihrer Lieblingsblumen. Aber das wusste sie ja nicht.

„Sie würden sich langweilen,“ winkte Melinda ab.

„Das glaube ich nicht.“

„Also gut. Ich wurde in der Nähe von Los Angeles geboren. Als ich 14 und Jade 12 war, starb unsere Mutter bei einem Reitunfall....“

„Jade ist das Nesthäckchen?“ lachte Ray. Sicher, er wusste wie alt Jade war, er wusste wie alt Melinda war, aber dennoch wurde ihm jetzt erst wirklich bewußt, dass Jade die kleine Schwester war.

„Ja, kaum zu glauben, oder? Sie ist immer so vernünftig...“

„Ganz im Gegensatz zu Ihnen?“ neckte Ray.
Melinda zuckte die Schultern. „Na ja... Jedenfalls...“ fuhr sie fort, „ Ein paar Jahre später erkrankte Vater unheilbar an Krebs. Jade war 17 und hatte gerade mit der Polizeischule begonnen. Ich schmiss mein Studium, kümmerte mich tagsüber um die
Ranch und in jeder freien Minute und nachts um unseren Vater, bis zu seinem Tod. Danach hielt ich es dort einfach nicht mehr aus. Ich ließ die Ranch verwalten, zog nach L. A. und begann wieder zu studieren. Durch Jade lernte ich John kennen. Wir heirateten, aber schon ein Jahr später wurde er im Dienst erschossen.“

„Und seitdem leben Sie allein in einem Appartement in der Stadt der Engel!“

„Jedenfalls war es so bis vor ein paar Wochen.“

„Gibt es keinen Mann in ihrem Leben, der Sie zum Lachen bringt?“

 „Nein, John war die große Liebe meines Lebens.“ Ein Schatten legte sich über Melindas Gesicht.

„Er starb vor sechs Jahren... Eine lange Zeit der Trauer!“ sagte Ray leise.

„Das wirft mir Jade auch immer vor. Sie hat...“ Tränen stiegen ihr in die Augen. „Sie hat nie um John getrauert. Als wäre er nicht tot sondern nur mal eben Zigaretten holen. Dabei waren sie Partner... Sie... Sie hat einfach weitergemacht. Wechselte ins Strike Team und hat nie wieder ein Wort über John gesagt. Sie hat mich mit der Trauer alleine gelassen...“

„Hat sie das wirklich?“ Ray trank sein Glas leer. Er kannte die Wahrheit. Er wusste, dass es damals völlig anders gewesen war. Aber er wollte es Melinda nicht sagen. Noch nicht...   

„Danke, dass Sie mir zuhören, Ray!“ Melinda lächelte Ray an. Der Alkohol stieg ihr zu Kopf und plötzlich fühlte sie eine unstillbare Sehnsucht in sich. Verlangen danach, in die Arme genommen zu werden, gehalten zu werden, geliebt zu werden. „Ray... Sind Sie verheiratet?“ fragte sie und rutschte ein Stück näher an ihn heran.

„Nein... Ich...“ Für einen kurzen Moment dachte er an Jade. Sah wieder ihr Gesicht vor sich, als er ihr den Ring gab und ihr die Frage stellte, die er so lange nicht zu fragen gewagt hatte. Und spürte wieder die tiefe Enttäuschung, als sie ihm den Ring zurück gab und den Kopf schüttelte. „Ich werde niemals heiraten...“ Ray erhob sich abrupt von der Couch. „Es ist spät... Wie wäre es, wenn Sie heute Nacht hier bleiben? Ich werde auf der Couch schlafen!“ Melinda sah ihn ein wenig ernüchert an. „Ja... In Ordnung...“ Sie erhob sich und ging ins Bad. Als sie wiederkam, hatte er ihr schon sein Bett zurecht gemacht. Auf der Couch lagen Kissen und Decke für ihn. „Ja.. äh.. Gute Nacht...“ hastig schloß Melinda die Schlafzimmertür hinter sich. Sie wusste nicht, ob sie erleichert oder enttäuscht sein sollte, dass Ray nicht auf ihre Annäherungsversuche einegangen war...

 

Es war mitten  in der Nacht, als Melinda aufwachte. Im Zimmer war es stockdunkel. Sie konnte nicht mal die Hand vor Augen sehen. Aber sie spürte, dass noch jemand im Zimmer war. Ruckartig setzte sie sich auf und sah sich suchend um. Was völlig zwecklos war. Sie tastete nach dem Schalter für die Nachttischlampe, doch die Birne war kaputt. Es blieb dunkel. „Wer ist da? Ray?“ fragte sie leise in die Dunkelheit.

„Schschsch...“ hörte sie und jemand setzte sich neben sie auf die Bettkante. Der Duft eines After Shaves schwängerte die Luft. Ein Duft den sie kannte. Melinda schloß die Augen. Ray - es konnte ja nur Ray sein - benutzte das gleiche After Shave, das John immer getragen hatte. Plötzlich konnte sich Melinda nicht mehr zurückhalten. Sie schlang die Arme um den Hals des Mannes und zog ihn dicht zu sich heran. Er roch nicht nur wie John, er fühlte sich auch so an! Melinda war völlig in ihren Erinnerungen an John gefangen und stöhnte auf, als der Mann ihren Hals küsste, seine Lippen forschend und gierig über ihren Körper wanderten. Wie im Rausch überließ sich Melinda den fremden Händen, die ihr so erschreckend vertraut vorkamen. Sie stöhnte auf, als Rays Hand in ihren Slip glitt und sich seine Finger in ihre feuchte Höhle bohrten. Sie bäumte sich ihm entgegen, während ihre Hände seinen Körper erforschten. Erfreut stellte sie fest, dass er nackt war. Gierig zog sie ihn über sich, spreizte die Beine, öffnete sich ihm. Dieser Einladung folgte er nur zu gerne. Melinda schrie leise auf, als er in sie eindrang.Wie sehr hatte sie dieses Gefühl vermisst! Langsam und gleichmäßig stieß er in sie. Melinda schloß die Augen und gab sich ganz dem Ansturm ihrer Gefühle hin. Ihr Verstand sagte ihr, es war Ray der auf ihr lag, den sie in sich fühlte, dennoch... Ihre Gedanken waren bei John. In ihrem Traum war es John, der sie liebte und der sich laut stöhnend in ihr ergoß...

*****

 

„Und?“ Ray sah den Mann fragend an, der aus seinem Schlafzimmer kam.

„Ich habe es nie in Frage gestellt! Das weißt du doch. Ich liebe sie, Ray!“

„Okay...“ Ray nickte. „Okay... Ich werde mit Jade sprechen... Es wird nicht mehr lange dauern, mein Freund!“ Er klopfe dem Mann auf die Schulter und sah zu, wie er sich hastig anzog. Dann öffnete er ihm die Haustür. Genauso leise wie er es betreten hatte, verließ er das Haus auch wieder...

 

*****

 

Als Melinda am Morgen erwachte, war das Bett neben ihr leer. Sie drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Hatte sie das gestern Nacht alles nur geträumt? Oder war es wirklich passiert? Ihre Hand glitt über ihre nackte Haut bis in den Schritt. Und da spürte sie etwas klebriges zwischen ihren Schenkeln. Sie hatte nicht geträumt... Nun war Melinda noch verwirrter. Warum schlief Ray mit ihr, verzog sich aber danach wieder auf die Couch?  Sie warf einen Blick auf die Uhr. Kurz nach acht. „Scheiße!“

Hastig sprang sie aus dem Bett und eilte ins Wohnzimmer. Ray war nicht da. Melinda überlegte kurz, was sie tun sollte. Der gestrige Streit mit Lem war heftig gewesen, dennoch, sie wollte und sie musste ihre Story zu Ende schreiben! Melinda ging kurz duschen und machte sich dann einen Kaffee. Anschließend zog sie sich an und rief sich ein Taxi. Auf der Suche nach einem Zettel und einem Stift um Ray eine Nachricht zu hinterlassen, stieß sie auf eine Akte. Es war die Kopie einer Gerichtsakte. John Cartwrights Akte. Sie starrte die Akte entgeistert an. Wie kam Ray an diese Akte? Und warum hatte er sie so plaziert, dass sie die Akte unweigerlich finden musste?  Mit zitternden Händen ließ sie sich auf das Sofa sinken und schlug den Deckel auf. Sie musste die Akte zweimal durchlesen, ehe sie begriff, was damals wirklich passiert war. Melinda traten Tränen in die Augen. Sie schlug die Akte zu und schlang die Arme um ihre Brust. Sie fror. „Jade...“ Melinda war kaum in der Lage, den Namen ihrer Schwester auszusprechen. Wie hatte Jade ihr das antun können? Jade hatte John erschossen, Vic, Lem, Ronnie und Shane waren Augenzeugen gewesen... Sie hatte es eben gerade schwarz auf weiß gelesen. Und keiner hatte auch nur ein Wort darüber gesagt...

 

Etwa eine Stunde später betrat Melinda den Clubraum des Strike Teams. „Hallo, jemand da?“ rief sie vorsorglich. Keine Antwort.

Sie warf noch einmal einen Blick über ihren Rücken, aber anscheinend waren wirklich alle ausgeflogen. So leise wie möglich ging sie zu Vics Schreibtisch und zog nacheinander alle Schubladen auf. Und in der untersten fand sie, was sie gesucht hatte: Johns Waffe.

„Was machst du hier?“

Erschrocken fuhr Melinda herum, als sie Vics Stimme in ihrem Rücken hörte.

Als Mackey erkannte, dass Melinda in seinem Schreibtisch herumgewühlt hatte, war er mit einigen großen Schritten bei ihr und riss ihr die Waffe aus der Hand.

„Was hat das Strike Team mit Johns Tod zu tun?“ herrschte Melinda ihn an. Sie wollte es nicht wahrhaben, aber sie hatte es doch gelesen! In einer offiziellen Anhörungsakte!

Vic ließ sich nicht anmerken, dass er über die Frage überrascht war. Es hatte eines Tages passieren müssen. Warum Melinda ausgerechnet jetzt dazu kam, ihm diese Frage zu stellen, spielte im Grunde keine Rolle. Sechs Jahre hatten sie es geheim halten können... „Kommt darauf an, welche Version du hören willst...“ Mackey sah ihr fest in die Augen.

„Die Wahrheit...“

„Und wenn dir die Wahrheit nicht schmecken wird?“ warnte Vic.

„Ich muß es wissen!“

„Warum fragst du nicht Jade?“

„Weil ich mir nicht sicher bin, ob ich die Wahrheit aus ihrem Munde hören will... Bitte Mackey...“ flehte Melinda.

Mackey nickte, dann schloß er die Tür vom Clubhaus. „Okay...“ Er überlegte kurz. Alle Einzelheiten konnte und würde er ihr nicht erzählen. „Die Kurzversion...“ Er setzte sich. „Wir hatten einen Einsatz. Ronnie, Lem, Shane und ich nahmen einen Drogendealer hoch. Es gab Probleme. Nachbarn hörten die Schüsse und Verstärkung kam. Dein Mann und Jade stürmten das Haus. Es war ein heilloses durcheinander. Plötzlich zielte John auf Lem. Doch ehe er abdrücken konnte, kam Jade ihm zuvor. Sie erschoß John... Na ja, den Rest kennst du...“

„Jade hat ihn erschossen?“ schrie Melinda auf. Obwohl sie es in der Akte gelesen hatte, es zu hören schmerzte noch viel mehr.
„Ja, und du wirst deine Schnauze halten!“ Mackey sah sie warnend an. „Es war ein Dienstunfall. Die Innenrevision hat Jade nach Anhörung der Zeugen entlastet...“

„Aber ihr wart doch die Zeugen! Ihr habt zu ihren Gunsten ausgesagt!“ Melinda starrte Vic ungläubig an. Wie hatte Jade ihr das antun können? Wie hatte Jade sie die ganzen Jahre so belügen können?

„Melinda...“ Vics Stimme klang eisig. „Laß es ruhen! Es ist sechs Jahre her! Falls du es jetzt an die große Glocke hängen willst, vergiss es! Jade und Lem würden sofort heiraten. Lem könnte dann nicht gezwungen werden, gegen sie auszusagen. Und außerdem... Jade ist eine von uns! Und wer uns angreift, stirbt!“

Melinda lief es eiskalt den Rücken runter. John war nicht gestorben, weil Jade zu schnell geschossen hatte! Sie hatte Lem schützen wollen. Und das Strike Team! Sie hatte ihre Familie schützen wollen. Ihre Familie die aus Lem, Ronny, Shane und Vic bestand!!!! Sie hätte es damals schon wissen müssen! Jade hatte damals einen Freund, den sie immer vor ihr und John geheim hielt. Doch jetzt wurde Melinda einiges klar. Es muß Lem gewesen sein... Ja, Lem war der geheimnisvolle Liebhaber gewesen... Lem war ihr wichtiger gewesen, als John... Wichtiger als ihr Partner und Schwager...

Die Hintertür ging auf und der Rest vom Strike Team trudelte ein. Melinda starrte Jade aus tränenverschleierten Augen an. „Du HURRREEEE! Du MÖÖÖRDERINNN!“ schrie sie Jade an, dann rannte sie zur Tür raus...

„Uppps... Jetzt hat sie es wohl rausbekommen....“ bemerkte Shane trocken.

„Eines Tages musste es soweit kommen...“ gab Jade zurück.

„Ich frage mich nur, wie sie reagiert, wenn sie die tatsächliche Wahrheit erfährt...“ sagte Vic leise.

„Niemand außer uns weiß, dass John noch lebt! Und keiner von uns wird ihn verraten!“ sagte Shane gleichgültig und warf sich auf die Couch. Jade seufzte. Melinda tat ihr unendlich leid. Lem legte den Arm um Jade. „Was wirst du wegen Melinda tun?“

„Es ihr sagen. Deswegen ist Ray doch gekommen...“

„Ray Sheffield? Ist er in Los Angeles?“ fragte Vic sofort. „Was will er?“ Vic trat auf Jade zu. Sein Blick bohrte sich in ihre Augen. Hilfesuchend sah Jade zu Lem, doch der verschränkte die Arme vor der Brust. Er erwartete genauso eine Antwort wie Vic.

„Er... Ich habe mich noch nicht lange mit ihm unterhalten können... Er...“ druckste Jade herum.
„JADE!“ knurrte Lem.

„Larson ist rechtskräftig verurteilt. Er will Melinda mit sich nehmen...“

Die Männer sahen sie betroffen an. „Warum? Ich meine... Will John sie wiederhaben?“ fragte Shane verblüfft.

„Ich weiß es nicht. Woher soll ich das wissen? Ray stand plötzlich vor der Tür und hat gesagt, ich bin ihm noch einen Gefallen schuldig und...“ Jade biß sich auf die Lippen.

Lem wurde flau im Magen. Hatte sie es sich anders überlegt? Er wusste, dass Jade und Ray eine heimliche Beziehung hatten, bevor das mit John passierte. Und das Jade lange gebraucht hatte, um darüber hinweg zu kommen. Lem hatte sich lange bemühen müssen, bis sie ihm ein Date gewährte. Und noch länger hatte sie ihn zappeln lassen, bis mehr passierte... Jade legte beruhigend die Hand auf Lems Unterarm. „Was ich dir gestern gesagt habe, gilt heute genauso, wie es auch in zwanzig Jahren noch gelten wird! Ich werde dich nicht verlassen, Curtis!“ Jade sah ihm fest in die Augen. „Und was Melinda angeht... Ich werde wohl mal eine Beichtstunde einlegen müssen.“

„Warte damit, bis wir John gefunden haben!“ Vic rieb sich nachdenklich über die Stirn. Wenn Sheffield hier wieder aufgetaucht ist... Ich sag euch was: John ist in L.A.! Ich schwöre es euch!“

„Gute Idee! Soll er ihr sagen, warum wir damals so gehandelt haben! Warum sollst du die Kastanien für ihn aus dem Feuer holen!“! stimmte Shane ihm zu.

„Weil ich ihre Schwester bin? Weil ich sie sechs Jahre lang angelogen habe? Weil ich sechs Jahre lang zugelassen habe, dass sie sich die Augen ausheult, obwohl John putzmunter ist?“

„Nein, Liebling! Weil John ihr Mann ist und mindestens genauso viel Verantwortung trägt wie du!“ stellte sich Lem auf die Seite von Vic und Shane.    
„Kannst du Sheffield erreichen?“ fragte Vic. Lem tat so, als würde ihn die Antwort nicht interessieren. Allerdings leuchteten seine Ohrläppchen hellrot. Er wusste, es war Unsinn und dennoch... Eine heiße Flamme der Eifersucht köchelte in ihm.

„Nein... Ich habe keine Handynummer, keine Adresse... Wir könnten eine Fahndung nach seiner Corvette rausgeben, die gibt es nicht mehr so oft, allerdings kann es Tage dauern, bis wir eine Meldung reinkriegen...“

„Er wird dich doch wieder kontaktieren. Warten wir einfach...“ Shane zuckte mit den Schultern. „Das wird wohl die einzige Möglichkeit sein...“ seufzte Jade. „Ich muß trotzdem mit Melinda reden...“ Sie zog das Handy aus der Hosentasche und wählte Melindas Handynummer. Sie bekam ein Freizeichen, doch Melinda hörte das Klingeln nicht oder sie ignorierte den Anruf schlichtweg. Jade wartete auf die Mailbox. „Melinda... Ich... Es tut mir leid. Wir müssen miteinander sprechen. Bitte ruf mich zurück. Es ist wichtig!“ Sie klappte das Handy zu und steckte es zurück in ihre Hosentasche. „Und nun?“ fragend sah sie in die Runde.

„Werden wir mal anfangen zu arbeiten!“ schlug Vic vor.

 

******

Melinda wusste nicht, wo sie hingehen sollte. Sie musste mit jemandem sprechen. Der erste der ihr einfiel war Ray. Sie fuhr zu seinem Appartement. Die Corvette stand nicht vor der Tür, aber das musste ja nicht heißen, dass er nicht zu Hause war. Melinda eilte die zwei Treppenabsätze zu seiner Wohnung hoch und klingelte. Es dauerte einen Moment, dann wurde die Tür geöffnet. Eine junge Mexikanerin sah sie an. „Ja?“

„Hallo, ich bin Melinda... Ich möchte zu Ray!“

„Ray?“

„Ray Sheffield! Das hier ist seine Wohnung!“ Die Mexikanerin war wohl ein wenig schwer von Begriff!

„Tut mir leid, Miss, Sie müssen sich irren. Ich kenne keinen Ray Sheffield!“

„Unsinn!“ Melinda schob sich an der Mexikanerin vorbei. „Ich bin heute morgen in dieser Wohnung aufgewacht!“ Sie sah sich um. Das waren Rays Möbel, sie war in der richtigen Wohnung. Ihr Blick fiel auf einen Reisekoffer.

„Es tut mir leid, aber das kann nicht sein. Dies ist meine Wohnung. Und ich bin gegenb Mittag erst aus San Diego zurück gekommen, ich war im Urlaub...“

Wie vor den Kopf geschlagen sah Melinda die Frau an, dann stürmte sie zur Haustür. Das Schild mit dem Namen Sheffield war fort. „M.Gonzales“ stand neben dem Klingelknopf.

„Was geht hier vor?“ flüsterte Melinda. Wie konnte innerhalb so kurzer Zeit ihre Welt so aus den Fugen geraten? Wieder einmal! Doch jetzt war es fast schlimmer als vor sechs Jahren. Damals hatte sie John verloren. Aber sie war nicht ganz alleine gewesen. Sie hatte Jade gehabt. Jade... Die Mörderin ihres Mannes... Wenn nicht ihr, wem konnte sie überhaupt noch vertrauen????

*****

Es war schon dunkel, als Jade und Lem vom Dienst nach Hause kamen. Jades Hoffnung, Melinda würde zu Hause sein, zerschlug sich. Das Haus war dunkel und leer. Jade schloß die Haustür auf, stieß die Tür auf und knipste das Licht an. Lem schob sich an ihr vorbei in die Küche und stellte dort die schweren Einkaufstüten ab. „Wie groß ist dein Hunger?“ fragte Jade, während sie anfing, die Tüten auszupacken und die gekauften Lebensmittel im Kühlschrank zu verstauen.

„Kommt darauf an...“

Jade sah über ihre Schulter. Lem grinste breit. Verlegen rieb er sich die Oberarme. Jade gab das Lächeln zurück.

„Hey, wir sind wieder alleine! Wir brauchen keine Rücksicht mehr nehmen!“ verteidigte er sich.

„Hab ich was gesagt?“ Jade legte die Tomaten in den Kühlschrank, schloß ihn und ging dann auf Lem zu. „Du bist also hungrig?“

„Hmmm...“

Sie blieb dicht vor ihm stehen, hob den Kopf und sah ihm in die Augen. Als er ihren Blick erwiderte, zog sich ihr Herz zusammen. „Curtis...“ Aus unerfindlichen Gründen hatte sie plötzlich einen Kloß im Hals. „Ich liebe dich!“ Sie musste es ihm sagen.

„Und ich liebe dich!“ Er neigte den Kopf und küsste sanft ihre Nasenspitze. „Ich liebe deine Stubsnase!“ raunte er. Seine Hände legten sich auf ihre Hüften. „Jade... Als Ray auftauchte... Hast du es bereut?“

„Dass ich nicht mit ihm gegangen bin? Dass ich bei dir geblieben bin?“

Lem nickte. Jade legte ihre Hand auf Lems Wange. „Du bist der warmherzigste, liebevollste, rücksichtsvollste, zärtlichste Mann, dem ich jemals begegnet bin.“ Sanft glitten ihre Finger über die Konturen seines Gesichtes. Sie sah ihm tief in die Augen. Sein Atem beschleunigte sich, als er tief in dem smaragdgrün ihrer Augen versank. Er war von ihren Augen so gefesselt, dass er die Antwort auf die er wartete, fast überhörte: „Keine Sekunde, Curtis...“

„Jade,“ Lem stockte einen Moment, doch dann fasste er sich ein Herz. „Würdest du mir einen Wunsch erfüllen?“

„Jeden!“ Jade grinste. Sie rechnete damit, dass er eine neue Variante im Bett ausprobieren wollte, doch als Lem weitersprach, entgleisten ihre Gesichtszüge.

„Heirate mich!“ bat er.

Verdattert sah sie ihn an. Sie brachte das Wort nicht mal über die Lippen.

„Ich meine es ernst, Jade. Ich wünsche mir, dass du mich heiratest. Richtig mit Kirche, Trauzeugen, Ring und allem drum und dran!“

Jade schluckte. Es war nicht das erste Mal, dass ein Mann um ihre Hand anhielt. Damals war es Ray gewesen, der vor ihr kniete und ihr einen Diamantring hatte anstecken wollen. Damals hatte sie ein dumpfes Gefühl im Bauch gespürt. Ein dunkles Pochen, das ihr davon abriet ja zu sagen. Sie hatte auf ihren Bauch gehört und abgelehnt. Wieder meldete sich Jades Bauchgefühl. Doch diesmal war es ein warmes Ziehen, das sich zu einem heißen Verlangen steigerte. Ihr Herz schien förmlich vor Glück zu glühen als sie sagte: „Ja, Curtis! Ja, ich werde deine Frau...“

Lems Gesicht strahlte vor Freude. Er war noch nie in seinem Leben so glücklich gewesen...

„Glückwunsch...“ Die Stimme ließ Lem und Jade auseinanderfahren.   

„Ihr braucht eine Alarmanlage!“ Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit des Wohnzimmers. Jade blinzelte, dann erkannte sie den Mann. „John!“ Sie lief auf ihren Schwager zu und umarmte ihn. Er schloß fest die Arme um Jade. „Ich habe dich vermisst, Jade!“ murmelte er. Als sich Jade von ihm löste, gab er Lem die Hand. „Wie ich sehe, hast du dich vorbildlich um meine Schwägerin gekümmert!“

„So wie du es mir aufgetragen hast!“ grinste Lem und klopfte John auf die Schulter. 

„Wie was?“ fragte Jade und sah erstaunt von John zu Lem.

„Ach Jade, denkst du, ich hätte nicht für alles gesorgt?“ John grinste breit. „Mir war immer klar, dass Lem der Richtige für dich ist. Zum Glück hast du es mittlerweile auch kapiert! Allerdings hatte ich damit gerechnet, dass hier schon lange ein paar kleine Lemanskys rumwuseln!“

„So, so, du meinst also, du hättest uns verkuppelt?“ fragte Jade gönnerhaft.

„Na klar!“ John sah sich um. „Wie ich sehe, hat meine Frau bei euch gehaust!“ Jade hatte zwar aufgeräumt, aber Melindas komplettes Chaos hatte sie noch nicht beseitigen können.

„Ja... Aber ich habe keine Ahnung, wo sie ist. Sie hat die alte Akte gelesen und hält mich für deine Mörderin.“

„Mach dir darum keinen Kopf. Sie wird bald hier auftauchen. Und bis dahin... Habt ihr ein Bier?“  

*****

Melinda saß bis zum Einbruch der Dunkelheit am Strand und grübelte vor sich hin. Ihr Leben war kein Scherbenhaufen, es war eine Ruine! Sie hatte keine Wohnung mehr, Ray war auch verschwunden, sie war völlig alleine... Wo sollte sie nur hin? Sicher, sie konnte in ein Hotel gehen, doch dafür fehlte ihr die Ruhe. Sie musste mit Jade reden. Jade sollte ihr haarklein erzählen, was vor sechs Jahren passiert war. Sie sollte ihr Rede und Antwort stehen, warum Lem wichtiger gewesen war als John! Warum Jade hatte entscheiden können, ihr John zu nehmen! Als Melinda wieder genug Wut im Bauch hatte, rappelte sie sich auf, setzte sich in ihren Wagen und fuhr zu Jade. Ohne anzuklopfen stürmte Melinda ins Haus. Jade sah sie überrascht an. Sie saß alleine auf der Couch.

„Melinda...“

„WARUM???? WARUM hast du John erschossen?“ schrie Melinda, Tränen rannen ihr über die Wangen.

„Ich habe John nicht erschossen.“ Jade war die Ruhe selber.

„Hör endlich auf mit deinen Lügen! Du hast mich sechs Jahre lang belogen! Ich habe es doch gelesen! Ich war bei Ray und da lag die Akte und Vic... Vic hat es mir doch auch erzählt!“

Jade stand von der Couch auf. „Melinda, was du dort in der Akte gelesen hast und was Vic dir erzählte, das ist die offizielle Version. Du hast jetzt die Wahl: Willst du daran glauben oder willst du hören, was wirklich passiert ist?“

„Warum sollte ich dir noch ein Sterbenswörtchen glauben? Du sagst, du hast John nicht getötet! Wie willst du mir beweisen, dass du nicht lügst?“ fauchte Melinda.

Jade wies mit dem Kinn zur Küchentür. „Dreh dich um!“

Melinda folgte ihrer Aufforderung und erbleichte. „John...“ hauchte sie, dann fiel sie ohnmächtig zu Boden.

Als Melinda wieder zu sich kam, rieb sie sich über die geschlossenen Augen. „Ich dachte, ich hätte John gesehen...“ ächzte sie und schlug die Lider auf.

„Hallo Melinda...“ John lächelte sie an. Ihr Kopf lag in seinem Schoß, sanft streichelte er ihre Wange.

„John...“ Ruckartig setzte sich Melinda auf. Jade und Lem saßen gegenüber im Sessel. „Wie... Was...?“ Sie starrte John an. „Bist du es wirklich?“ Statt zu antworten zog John sie in seine Arme. Sein Duft umfing sie, Melinda fing an zu weinen. „John... Du lebst...“

„Es tut mir leid, Melinda, es tut mir so leid...“

 

*****

„John hat also undercover im Strike Team gearbeitet?“ Melinda konnte es immer noch nicht fassen. John lebte!

John war mit Lem in der Küche und bereitete etwas zu essen zu. Jade saß neben ihr auf der Couch. „Ja, sein Auftrag war streng geheim. John ist beim FBI. Wir durften es dir nicht sagen. Er sollte den hiesigen Drogenboß dingfest machen. Er hat es geschafft, doch es gab Morddrohungen gegen ihn und auch gegen dich. Also beschloss das FBI, dass John mit einer neuen Identität untertauchen sollte, bis der Gerichtsprozeß vorbei ist. Dass es sich sechs Jahre in die Länge zieht, konnte ja keiner ahnen...“

„Und warum wurde ich nicht mit ins Programm aufgenommen?“ fragte Melinda.

„John wollte dich mitnehmen. Aber das FBI hat es verboten. Wie gesagt, damals rechneten wir mit maximal 6 Monaten... Na ja und dann fand das FBI, John ist eine ungenutzte Ressource. Er hat in den letzten Jahren viele verdeckte Einsätze übernommen. Und vor 8 Wochen fiel das Urteil gegen Larson...“

„Und dieser Ray?“

„Ray... Ray war der Verbindungsmann... Er tauchte in meinem Leben auf und... Na ja...“ Jade zuckte die Schultern.

„Dann war Ray dieser geheimnisvolle Liebhaber damals?“ mutmaßte Melinda.

„Ja... Ich... Damals hielt ich ihn für meine große Liebe...“ gab Jade zu.

„Und warum bist du nicht mit ihm gegangen?“

„Er hat mich darum gebeten. Aber ich wollte dich nicht alleine lassen. Ich...“

„Dann hast du dich wegen mir von ihm getrennt?“ Melinda schluckte. Und sie hatte Jade jahrelang Selbstsüchtigkeit unterstellt.

„Das spielt keine Rolle mehr...“ Jade schüttelte den Gedanken an Ray ab. „Laß uns in die Küche gehen!“ Sie stand von der Couch auf und ging in die Küche. Lem sah auf und lächelte sie sofort an. Jade gab das Lächeln zurück. Nein, es spielte keine Rolle mehr. Die Liebe ihres Lebens stand vor ihr und bald würde sie ihm das Ja-Wort geben...

 

    *****

Ray saß in seiner schwarzen Corvette und beobachtete die vier Personen, die in der Küche zusammen saßen, aßen und sich unterhielten. Er konnte Jade sehen, ihre Haare leuchteten im Licht der Küchenlampe. Sie lachte Lem an, für einen Moment meinte er Jades perlendes Lachen sogar zu hören. Sie sah so glücklich aus...

Ray startete den Motor seiner Corvette und fuhr langsam die Straße hinunter Richtung Highway. Sie war ihm keinen Gefallen mehr schuldig. Sie war glücklich. Damit war ihre Schuld beglichen...

 

The End!!!